Untitled

Einen Film ohne klares Thema, über das Unterwegs-Sein, das Reisen und die Welt die man dabei zu sehen bekommt, verspricht Untitled, Michael Glawoggers posthum editiertes und nun auf der Berlinale aufgeführtes letztes Werk. Ein aufgescheuchter Vogelschwarm etabliert das Motiv der nicht zielgerichteten Bewegung, und rahmt den Film, der scheinbar willkürlich von einem Ort zum anderen springt und immer wieder versucht mit Hilfe der Kamera in das Geschehen bzw. den Ort einzudringen und sich dort festzusetzen, bevor ein harter Schnitt wieder große Distanzen überwindet. Das Zentrum dieser Bewegung bleibt aber immer Glawogger selber. Sein Innenleben wird in beinahe poetischem Duktus von einer Off-Stimme verkündet, die auch spärliche Informationen über das im Bild sichtbare verkündet.

Nun ist eine Glawogger Reise natürlich nicht zu vergleichen mit einem Interrail Trip, sondern dringt in Regionen vor, die dem Auge des westlichen Beobachters häufig verborgen bleiben. Und so findet man sich schnell auf Müllkippen in der Pampa wieder, wo Menschen um die Letztverwertung von Abfall streiten, wohnte einem brutalen Kampf zwischen zwei jungen afrikanischen Männern (nähere Herkunft womöglich Sierra Leone) bei oder blickt durch das Auge der Kamera unangenehm lange auf einen verwesenden Tierkadaver am Straßenrand. Kurz: Die Bilder schockieren oder sie zeugen von kulturellen Differenz des Anderen. Beispielsweise wenn eine Gruppe einbeiniger Männer am Strand Fußball spielt oder ein Brüderpaar (auch hier, nur Vermutung) den toten Eltern angezündete Zigaretten ans Grab legt, oder schwarze Männer in traditioneller Kluft am Strand Ringkämpfe üben. Der Film möchte als Fenster zur Welt gesehen werden, und gibt sich als unvoreingenommene Beobachtung eines unbeteiligten Zeugen mit uneingeschränktem Zugang zum Geschehen aus. Die Auswahl des Gefilmten entspringt allerdings nicht einem objektiven teilnahmslosen Apparat, sondern dem subjektiven Blick Glawoggers selbst. Da dieser noch während der Reise verstarb, übernimmt es nun Monika Willi – Glawoggers langjährige Editorin –  die Bilder einer erneuten Selektion zu unterziehen und Sie wiederum im Hinblick auf Ihr Bild von dem Regisseur hin zu verarbeiten. Die so entstandene Collage verdoppelt somit die jeder Repräsentation eigene Distanz, reflektiert das eigene Vorgehen aber an keiner Stelle.

Ein Film über Bewegung ist Untitled also nur, wenn man von territorialer Bewegung ausgeht. Bezieht man Fragen der Repräsentation und die Ambition, Glawoggers Schaffen ein letztes Denkmal zu setzen, mit ein, ließe er sich auch als Film der Festschreibung deuten. Eine permanente visuelle Grenzziehung, die ausgehend von einem doppelten westlichen Standpunkt aus aufs Andere schaut und den Autor immer wieder als Referenzpunkt in dieses Gefüge einschreibt. Von Glawoggers eigenem Bedürfnis diese Differenz zu tilgen zeugt das Ende, in dem die Off-Stimme eine Anekdote erzählt, in der Glawogger sich in der Fremde an die Einheimischen eines Ortes wendet und sie bittet, Ihn unter sich aufzunehmen bis er nicht mehr als fremd zu identifizieren ist. So naiv dieser Wunsch auch klingt und wie absurd er auch wirken mag vor dem Hintergrund der Elendsdarstellung der vorherigen 100 min, dem Film hätte eine Auflösung Glawoggers in seinen heterogenen Sujets nicht geschadet.

Sektion: Panorama Dokumente

Regie: Michael Glawogger, Monika Willi

Österreich / Deustchland 2017

Kamera: Attila Boa

Schnitt: Monika Willi

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