Under the Sun (DOK Leipzig)

Hinweis: Under the Sun (dt. Titel: Im Strahl der Sonne) ist am 08.06. um 19 Uhr im Rahmen der Filmreihe Asien vom Festival Theaterformen im Universum Filmtheater zu sehen.

Von Sabine Sellig

Man wägt sich wie in einem Science-Fiction-Film, der in vergangener Zeit abgedreht wurde. Man hofft, dass Animation oder Motion Graphics zum Einsatz kam und dass die Szenerien von sich akkurat gleichgeschaltet bewegender Menschenmassen, scheinbar maßstäblich ausgerichtet, einer schrägen Idee eines waghalsigen Regisseurs Hollywoods entstammen. Mehr als beängstigend und schwer bedrückend sieht die Realität aus: der Dokumentarfilm Under the Sun entführt für nicht ganz zwei Stunden in die hermetisch abgeriegelt erscheinende, beängstigend trostlose Scheinwelt Nordkoreas und hinterlässt eine leise Ahnung von der, alle Generationen fassenden, exzessiv betriebenen Bevölkerungsabrichtung.

Die Dressur in gedanklicher Ausrichtung und alltäglichem Leben, die Negation jeglicher individuell tendierten Persönlichkeitsentfaltung – man will das alles gar nicht wahr haben und kann als – im Wesentlichen frei denkend und agierender westeuropäischer Bundesbürger – nur fassungslos gebannt, wütend vielleicht, der dramatischen Surrealität, der zum Selbstläufer gewordenen Diktatur Kim Jong-uns, auf der Kinoleinwand lediglich fragmentarisch festgehalten, folgen. Realisiert man, welche Welten allein im alltäglichen Leben uns und die Menschen Nordkoreas voneinander spalten, erscheint einem nicht nur die im Film dargestellte Realität absurd und grotesk, man beginnt vielmehr den eigenen Lebensstil einmal mehr mit kritischer Distanz zu begutachten, wird so zum reflektierten Betrachter seiner Selbst und weiß gewiss anschließend unsere Individualgesellschaft um ein Vielfaches mehr zu schätzen.

Den Beitrag zum diesjährigen DOK Filmfest Leipzig, Under the Sun, haben wir dem gerissenen Regisseur Vitaly Mansky zu verdanken. Erstaunlicherweise erhielt er auf Anfrage tatsächlich eine offizielle Drehgenehmigung zur Dokumentation der ländlichen sowie städtischen Lebensweise der Nordkoreaner. Hierfür stand ihm permanent beiseite eine Art „Ko-Regisseur“, gesandt von der diktatorischer Hand. Vitaly Mansky berichtet im abschließenden Filmgespräch von der nicht wirklich gegebenen Möglichkeit, Szenen unweit der Arrangements seitens der Diktatur, zwecks seiner Dokumentationsintention, detailliert initiiert, filmisch festzuhalten; einer zweiten eingesetzten und unentdeckt gebliebenen Speicherkarte der mitgeführten Kamera haben wir gewisse Abweichungen vom systematischen Ablauf oder einige Einblicke hinter die grandiose Inszenierung von Nordkoreas ausgeklügelter Fassade zu verdanken.

Manskys Film ist gespeist von Panoramaaufnahmen, gerichtet auf in Gleichschritt laufende Schulklassen jüngsten, sowie Tanzpaaren mittleren Alters. Daneben: Frontalunterricht, ausgeführt von älteren Herren, die ausdrucks- und reibungslos, gefühlt endlos, vorgefertigte Texte wiedergeben. Man fühlt die innerliche Gebrochenheit der kleinen Zin-Mi (8), die im Film als beispielhaftes Mädchen aus der Mitte der Masse hautnah von der Kamera Manskys begleitet wird. Ihr Gähnen und das Zufallen ihrer kleinen Augen während der mutmaßlich quälend lang anhaltenden Schulstunden, inhaltlich sich ausschließlich auf Rezitieren gewisser Phrasen beruhend, bleibt einem bedrückend im Gedächtnis. Schwer bewegen einen ihre Tränenströme, stillschweigend über die kleinen Wangen rollend, als es Manskys Team einmal gelingt ihr einfache Fragen zum persönlichen Gemütszustand zu stellen und sie hilflos wiederum in Rezitation erlernter Satzgefüge endet. Huldigungsgänge mit expliziter Ablage unzähliger Kunstblumensträuße zu Ehren des vermeintlich – und den ergriffen entstellten Gesichtszügen der Massen nach urteilend, leider vermutlich tatsächlich – geliebten Führers Kim Jong-un, laufen über die Kinowand. Danach in mehrfacher Wiederholung die emotionslose, heuchlerische Ehrung Zin-Mis Mutter als fleißige Arbeiterin: der lobende Text der Kollegen und das Applaudieren aller Mitarbeiter der Nähall, will einfach nicht perfekt genug, schlagartig, schnell und ausdrucksstark genug gelingen.

Es mag ein gewisser Gang der Komik zutage kommen, wenn siebenmal der kleine, überbordend mit diversen Speisen und Kimchi beladene Esstisch, der für Manskys Film willkürlich von der diktatorischen Regierung zusammengestellten Kleinfamilie, in den Raum getragen wird und in leichter Modifikation bis zur Perfektion vorgesehene Untendenziöses Satzgut aller Beteiligten rezitiert wird. Wachsam schaut man generell auf reinste Abweichungen, die es erschreckender Weise in der Gesamtagitation an den unterschiedlichsten Orten tatsächlich nicht zu geben scheint. Das groteske, theatral anmutende Stück Realität, das Mansky von Nordkoreas menschenunwürdigem Alltag zeigt, hinterlässt ein Gefühl der Benommenheit, der Sprach- und Hilflosigkeit angesichts dieser abgerichteten, organisiert zelebrierten Unmündigkeit eines ganzen Volkes. Hier helfen keine Güter, keine Worte weiter – zur Interaktion mit dem Volk wird es aufgrund der hermetischen Gesamtabschottung Nordkoreas via Kim Jong-un vorerst nicht kommen, so die letzten Worte vor Abgang des stark gebauten, irgendwie resigniert wirkenden Vitaly Mansky.

Sektion: Internationaler Wettbewerb
Russland, Deutschland, Tschechien, Lettland, Nordkorea 2015, 110’
R: Vitaly Mansky
Verleih: Salzgeber & Company Medien
Starttermin: 10. März 2016

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