Under The Silver Lake

Nachdem David Robert Mitchell mit It Follows (2014) einen originellen, wenn auch poralisierenden Horror-Überraschungshit gelandert hat, liefert er nun seine Bestandsaufnahme zur gegenwärtigen Lage der Postmoderne.

Als Sam (Andrew Garfield) seine ebenfalls jugendliche Nachbarin Sarah (Riley Keough) beim Schwimmen beobachtet, daraufhin zu einem romantischen Abend zur ihr eingeladen wird und am nächsten Tag überrascht von ihrem Auszug aus der Nachbarschaft erfährt, beginnt eine schier endlose Schnitzeljagd nach ihr durch Los Angeles. Strategisch genutzt wird diese um eine zentrale Frage zu stellen: In welcher verzwickten postmodernen Absurdität befinden wir uns medial wie auch privat? Die Suche wirft uns dabei von einer popkulturellen Referenz zur nächsten, von Kubricks 2001 (1968) bis Hitchcocks Rear Window (1954), Super Mario Bros. und Retro-Albencovern. Als auch noch Andrew Garfields Rolle als Spiderman herausgestellt wird, wissen wir wie verwurzelt wir in der Postmoderne sind. Ästhetisch reichen sich Hipstertum, Hippie-Kultur, schwarz-weiße Horrorcomic-Sequenzen und Popart die Hände und natürlich darf der verschwörungstheoretische Habitus nicht fehlen in allem Auffindbaren geheime Zahlencodes und versteckte Botschaften zu suchen und mit genug Kreativität auch zu finden. Mit den so gefundenen Hinweisen gelangt Sam sogar zu einem älteren Herr, der sich als der Songwriter entpuppt, der sich sowohl für die größten Hits seiner Generation wie auch der seines Vaters verantwortlich zeigt. Die Falle ist demnach perfekt: Opa Postmoderne spannt seine allumfassende Struktur um die Kulturlandschaft herum – Es gibt kein Entkommen, keine systemexterne Innovation und selbst die jugendlichen Rebellionen, die so viel Leidenschaft einer heranwachsenden Generation fesseln, enstehen aus der selben Schmiede und nach demselben Plan wie der Mainstream, von dem man sich vergeblich versucht abzusetzen.

So stolpert Andrew Garfield, der mehr als Hollywoodstar und weniger als die zu portraitierende Figur Sam in Erscheinung tritt, in einer Baudrillardschen Mediendystopie herum. Relativ unbeeindruckt von den ihn umgebenden Skurrilitäten führen ihn die von ihm entdeckten rätselhaften Abbildungen zu den nächsten vor ihn liegenden Erfahrungen und Ereignissen, die wiederum als Abbildung zur Entschlüsselung des Rätsels zu analysieren sind. Dass dabei der ironische Bruch mit allem, was als ruhiger oder gar als ernsthafter Moment aufgefasst werden könnte, nicht fehlen darf ist dabei fast selbstverständlich. So wird selbst die von Andrew Garfield umgeschnallte Kamera zum Immersionsbruch, wenn er mit ihr auf den Boden stürzt und nicht nur sein Aufprallen, sondern auch das der Kamera akustisch deutlich zu vernehmen ist. Andere Male führt ihn sein Weg zum nächsten Setpiece durch einen Kindergeburtstag oder eine absichtlich eingesetzte merkwürdige Gangart dient dem gewünschten Zweck. Bloß kein Ereignis ohne ironische Distanz.

Deutlich wird in dieser facettenreichen Abbildung der gegenwärtigen (Medien-)Kultur eine Art verzweifelte Auswegslosigkeit, die vor allem durch das filmisch schwache letzte Viertel in einem Leerlauf der ausgegangenen Innovationen und Konventionsbrüchen deutlich wird. Under The Silver Lake bietet hier – leider – keinen wirklichen Lösungsansatz oder Schritt nach vorne. Wie mit Thorns auch schon 12 Jahre alten Begriff der New Sincerity eine stückweise Verschiebung in hybrider Form von ironischer Distanz und unmittelbarer Ernsthaftigkeit erreicht werden kann, hat uns aber zum Glück schon A Ghost Story (2017) im letzten Jahr gezeigt.

 

Under The Silver Lake, USA 2018, 139 Min.

Regie & Buch: David Robert Mitchell

Kamera: Mike Gioulakis

Schauspieler*innen: Andrew Garfield, Riley Keough, Annabelle Dexter-Jones

Verleih & Bildrechte: Weltkino Filmverleih

Kinostart: 06.12.2018

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