Über das Vergangene und das Verborgene

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Eine Frau steht hinter einer Glasfront, suchend, wartend. Sie versucht einen Mann auf der anderen Seite auf sich aufmerksam zu machen, aber weil ihre Rufe durch diese Trennwand gedämpft werden, hört er sie zunächst nicht. Wir beobachten sie eine Weile beim Warten und ihn bei der Suche nach seinem Gepäck, bis sich ihre Blicke treffen. Dann stehen sie sich gegenüber, getrennt von der Scheibe und sprechen miteinander, ohne das Gesagte zu hören. Die Kamera wechselt dabei zwischen ihrer und seiner Seite und die verlorenen Worte bleiben nicht nur für sie, sondern auch für uns als Zuschauer stumm. Die Thematisierung des Verborgenen, des Unvollständigen und der Nicht-Offenbarung zieht sich weiter durch den Film, denn es wird immer wieder Stellen geben, in denen die Kamera an Orten verweilt, die einen Teil der Außenwelt ausschließen, beispielsweise wenn zwei Personen ein Café verlassen, um sich zu unterhalten und die Kamera wiederum im Inneren des Raumes zurück bleibt. Durch die trennenden Glasscheiben gefilmt können wir dann zwar noch beobachten, aber nicht mehr hören, sodass ein Teil im Verborgenen bleibt.

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Diese Form des Realismus erstreckt sich nicht nur über die Bild- und Tonebenen, sondern betrifft auch die Erzählung. Zu Beginn des Films erscheint eigentlich alles verborgen und unklar. Man begegnet zwei Menschen, die sich scheinbar vertraut sind, deren Autofahrt vom Flughafen nach Hause aber nicht viel über ihre Beziehung offenbart. Nichts wird direkt ausformuliert, vielmehr geht es um eine eigenständige Beobachtung, um einen natürlichen Fortschritt, um den Figuren näher zu kommen und ihr Verhalten einzuordnen. Ohne eindeutige Erklärungen hinken wir als Zuschauer immer leicht hinterher und müssen warten, suchen und selbst interpretieren. Die erste schwierige Situation wird eher beiläufig offenbart: Ahmad besucht Marie und ihre beiden Töchter in Paris, um nach vier Jahren der Trennung die Scheidungspapiere zu unterschreiben. Die Lage wird weiter verkompliziert, denn Marie lebt mittlerweile mit ihrem neuen Partner Samir und dessen Sohn zusammen. Die beiden wollen heiraten, zudem ist Marie schwanger, die älteste Tochter Lucie ist mit der Beziehung der beiden nicht einverstanden, was vor allem damit zu tun hat, dass Samirs Frau nach einem Selbstmordversuch im Koma liegt. Das klingt ziemlich überladen, so als seien alle möglichen Komplikationen untergebracht und mit einer Dramatik versehen. Aber erstaunlicherweise wirkt es beim Sehen nicht so. Der natürliche Verlauf, in dem sich die Informationen nach und nach offenbaren und die Tatsache, dass sich der Film viel Zeit für seine Erzählung lässt, ohne dabei alles offenzulegen, tragen stattdessen zur intensiven Beobachtung bei. Dramatisch wird es eher, wenn sich der Fokus von den vergangenen und gegenwärtigen Beziehungen auf die Umstände, die zum Selbstmordversuch von Samirs Frau führten, verschiebt. Plötzlich findet man sich irgendwo zwischen der Aufklärung eines Kriminalfalls und dem Zusammensetzen eines Puzzles wieder. Die Schuld verweilt nie lange bei einer Figur und es wird klar, dass sie auch nicht nur dort zu suchen ist. Vorwürfe und Gewissensfragen, Zweifel und Erklärungsversuche vermischen sich, bis man sich die Frage stellen muss, wohin das überhaupt führen soll.

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Darin liegt wiederum der interessante Aspekt dieser Wandlung der Erzählung. Während man sich mitreißen lässt, selbst darüber nachzudenken, welches Szenario nun das wahrscheinlichste ist und bei wem die Schuld tatsächlich liegt, wird immer deutlicher, dass dieses Sezieren eines einzigen Vorfalls eigentlich keine Rolle spielt. Das Vergangene kann nichts an der Situation ändern und die Beschäftigung damit dient eher einer Flucht aus der Gegenwart. So findet der Film letztendlich wieder zum eigentlichen Thema zurück und die Auseinandersetzung mit dem Vergangenen wird umso intensiver fokussiert. Wie schon bei Asghar Farhadis letztem Film Nader und Simin – eine Trennung (2011) muss man sich am Ende damit abfinden, dass vieles im Verborgenen bleibt und nichts vollständig aufgeklärt wird, weil dies unmöglich und eigentlich unbedeutend ist. Was nicht mehr zu ändern ist, wird zum Vergangenen, das überkommen werden muss. Wenn diese Vergangenheit in die Gegenwart eindringt oder zurückgeholt wird, ohne sie gleichzeitig zu verarbeiten, kann sie aber nie abgeschlossen werden. Es muss eine Entscheidung geben, auch bei Marie und Samir, ob sie das Vergangene loslassen, verdrängen oder neu aufsuchen wollen.


Le passé, Frankreich 2013, 130’
Regie und Drehbuch: Asghar Farhadi
Produzenten: Alexandre Mallet-Guy, Alexa Rivero
Kamera: Mahmoud Kalari
Schnitt: Juliette Welfling
Besetzung: Bérénice Bejo, Tahar Rahim, Ali Mosaffa, Pauline Burlet
Verleih: Camino/Studiocanal
Kinostart: 30.01.2014

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