Tyrannosaur – Vollendete Ohnmacht

“No animals were harmed in the making of this film” steht im Abspann von “Tyrannosaur” – und dies hat durchaus seine Berechtigung, denn der Film beginnt mit einem älteren, vom Leben gezeichneten Mann, der betrunken und wild fluchend aus einem Pub kommt und voller Wut seinen Hund zu Tode tritt. Es soll nicht die letzte Grausamkeit bleiben. Der Mann heisst Joseph (Peter Mullan), treibt sich am liebsten biertrinkend in Spelunken herum und lässt seinen Hass auf die Welt frei heraus. Joseph ist einsam und verbittert, seine Frau ist an Diabetes gestorben, sein bester Freund liegt im Sterben, für die meisten Menschen hat er nur Verachtung übrig und doch bleibt Joseph ambivalent. Er trägt seinen toten Hund liebevoll und traurig aus der Stadt in eine trostlose Sozialbauhölle und begräbt ihn in seinem Garten, er sorgt sich um einen Nachbarsjungen, der unter dem gewalttätigen Freund seiner Mutter leidet und der für sein Leben gezeichnet sein wird und er besucht seinen sterbenden Freund, dessen Tochter Joseph ebenfalls mit Abscheu begegnet.

Nach einer Schlägerei flüchtet er sich in einen Wohlfahrtsladen und beschimpft die dort arbeitende Hannah (Olivia Colman). Diese begegnet ihm auf eine Art, die er nicht gewohnt ist, sie verurteilt ihn nicht oder schmeisst ihn raus, sondern betet für ihn und bringt ihn zum weinen. “Do you feel better now?” fragt sie ihn und er geht mit einem verstörten Gesichtsausdruck heim. Hannah wirkt naiv mit ihrem Gebet, als würde sie nicht verstehen, wer sich da in ihrem Laden versteckt hat, doch es ist gerade die ausweglose Hölle von Hannahs Leben, die selbst die hoffnungslosen Gewaltexzesse von Joseph in den Schatten stellt. Sie wird von ihrem sadistischen Ehemann James (Eddie Marsan) gedemütigt, gequält und vergewaltigt, jeder Feierabend bedeutet für sie das Ende der Flucht vor ihrem Peiniger. Und doch muss es bei dem ersten Kontakt zwischen Joseph und Hannah eine Ebene gegeben haben, die sie verbindet, die ihre zu steinernen Masken geronnenen Fassaden hat zerfließen lassen, ein Gefühl der Verbundenheit in Einsamkeit und Enttäuschung vom Leben lässt Joseph immer wieder die Nähe zu Hannah suchen.

So ist “Tyrannosaur” weniger eine, wie es im plakativ-unbeholfenen Untertitel heisst, Liebesgeschichte, sondern vielmehr eine Erzählung über latente und manifeste Gewalt. Mit offensichtlicher Gewalt hält sich der Film, was die explizite Darstellung angeht, mit unverständlicher Ausnahme der Vergewaltigung Hannahs durch ihren Ehemann, erfreulicherweise zurück, ist es doch gerade die Atmosphäre einer durch und durch gewalttätigen und kalten Gesellschaft, die eine Erklärung dafür bieten kann, warum die Menschen zu jenen abgestumpften Gefühlsnomaden wurden. Allein die Einstellungen und Architektur der Innenräume hat eine schonungslose Enge und Unmenschlichkeit, so dass Josephs Wohnung in ihrer Gedrängtheit nicht nur sein Leben, sondern auch die Unfähigkeit zum Ausbrechen, zum Verarbeiten, zur Reflexion widerspiegelt. Während hingegen in Hannahs und James Wohnung die Lieblosigkeit und gegenseitige Verachtung, aber auch der Selbsthass von James, den er an seiner Frau versucht abzuagieren, aus jeder Spalte hervorscheint, insbesondere in den Szenen, in denen ein strahlendes Hochzeitsfoto der beiden  den Kontrast zur brutalen Wirklichkeit bildet. Aber selbst das Auto von James wird zum fahrenden Gefängnis, wenn er seine betrunkene Frau einsammelt und der mechanisch tickende Blinker wie eine Zeitbombe das kommende Unheil ankündigt. Als Widerpart zu diesen Orten kann der Pub gesehen werden, in dem sich immerhin die für die Protagonisten “glücklichsten” Stunden abspielen, einzig hier gibt es Anflüge von zwischenmenschlicher Wärme, von Spaß, gar von Sicherheit. Dass es sich eigentlich um eine Totenfeier handelt, passt zur paradoxen Tragik aller Lebenswege.

Geradezu zart und wie die Gewalt möglichst nicht explizit, ist dann auch die vorsichtige Annäherung von Joseph und Hannah gezeichnet. Nicht Dialoge, sondern Blicke und eine der Welt der Gewalt gegenübergestellte Atmosphäre von Respekt, Vertrautheit, Anteilnahme und Verantwortung bestimmen den Umgang des ärmlichen Joseph und der wohlhabenden Hannah und machen ihre Verbundenheit aus. Hieraus speist sich auch die Authentizität des Films, der nicht nur auf eine wackelige Kamera, sondern trotz einiger Stereotype auch auf kitschige Sozialklischees verzichtet.

Das Regiedebüt von Paddy Considine ist in den Bildern langsam und bedrückend, kommt mit wenig Sprache aus und entfaltet doch eine starke emotionale Wirkung, nicht zuletzt dank der überzeugenden schauspielerischen Leistung von Peter Mullan und Olivia Colman. Jeder ist allein, es gibt keine positive Auflösung der eigenen Ohnmacht, auch kein zum Koitus einladender Planet kommt vom Himmel gefallen um alles Menschliche auszulöschen, keine esoterische Charakteränderung vollzieht sich und erst recht bietet eine romantische Beziehung keinen Halt. Dies, suggeriert durch den Untertitel, bei diesem Film zu behaupten wäre angesichts der gescheiterten Ehen und Persönlichkeiten, der Unmöglichkeit der Protagonistinnen zur Verarbeitung ihrer Biografie, fatal. Darin besteht die große Stärke des Films. Einzig das abrupte Ende hätte zugunsten einer ausführlicheren Charakter- und Beziehungsdarstellung etwas hinausgezögert werden können. Joseph und Hannah bleiben beide ihren Bewältigungsstrategien treu, Joseph mit nach innen und außen gerichteter Aggression und Hannah in ihrem Glauben. Beide kommen weder aus ihrer Haut, noch den sie umgebenden Verhältnissen heraus. Ihre Hoffnung besteht darin, dass sie merken, dass es Menschen gibt, die einem verbunden sind, denen es sich zu öffnen lohnt und denen es ganz ähnlich geht, gleichwohl bleiben sie in ihrer Ohnmacht gefangen und sind doch gleichzeitig verantwortlich für ihr Handeln.

“No animals were harmed in the making of this film”, das ist schön und hat doch einen beinahe zynischen Beigeschmack – und die Menschen?

 

Tyrannosaur, Großbritannien 2011, 91’
Regie & Buch: Paddy Considine
Darsteller: Peter Mullan, Olivia Colman, Eddie Marsan
Verleih: Kino Kontrovers
Kinostart: 13.10.2011

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