Tutorium “Filmkritik” – Wild

Im Rahmen des Tutoriums “Filmkritik” wurden von Studierenden der Hochschule für Bildende Künste Kritiken zu ausgewählten Filmen verfasst.

Hier die Kritiken zu Wild (Nicolette Krebitz, 2016)

 

Wild – Von Würfelzuckern, Wölfen und Verwirrung

von Ilka Wawrzyniak

Wild ist ein Film von Nicolette Krebitz aus dem Jahr 2016. Das muss man sich aber nicht unbedingt merken. Es ist einer dieser Filme, von denen man gerne vergisst, dass man sie je gesehen hat. Oder, treffender formuliert, ist es einer der Filme, die man einfach vergessen möchte, es nur nicht so richtig gelingt.

Kurz gesagt, geht es in dem Streifen um die IT-Spezialistin Ania, die genauso gut ein menschlicher Fußabtreter für ihren Chef und die anderen Menschen in ihrem Leben sein könnte, und Tag ein Tag aus das gleiche triste Leben führt, bis sie eines Tages etwas sieht, was sie für einen Wolf hält. Sie entwickelt eine solche Obsession, dass sie ihn schließlich fängt und in ihrer Wohnung hält, während auch sie selbst immer mehr verwildert und ihr Leben hinter sich lässt. Eine Geschichte über die Verwilderung des Menschen und die Liebe zur Natur, die in der heutigen Zeit zu einer Art Perversion verkommt. Vielleicht auch ein Appell an die Menschheit, sich der Natur wieder anzunähern. Oder so etwas eben.

So knallt uns Krebitz eine verquere Love-Story mit einem Wolf vor die Nase und wir sollen das dann wie finden? Gut? Inspirierend? Anregend?

Die meisten würden doch eher Worte wie Verstörend oder Absurd verwenden.

Wie bereits gesagt ist Ania eine junge Frau, die etwa so komplex ist wie die Kohlenhydrate in einem Würfel Zucker, nur nicht ganz so interessant. Sie entwickelt sich von einer jungen Frau ohne eigene Persönlichkeit oder Identität zu einer jungen Frau ohne Persönlichkeit, aber dafür mit einem Wolf in der Wohnung und einem zerfallenden Verstand. Keine ihrer Handlungen scheinen so wirklich Sinn zu ergeben. Nicht, dass der Film sonderlich viel Wert auf Logik legt, wenn man bedenkt, wie einfach der ‚Wolf‘ durch eine Zimmerwand bricht. Doch man sollte meinen, dass der geistige Zerfall eines Würfelzuckers doch wenigstens irgendwie linear vor sich geht. Nur dass Ania Sex mit ihrem Chef hat, ihn dann wie ein Kind anbettelt „Ich will nochmal“, ihm nach nicht erfülltem Wunsch auf den Tisch kackt und schließlich sein Büro abfackelt, nachdem sie sich das Periodenblut von einem Wolf ablecken und sich gleichzeitig sexuell befriedigen lässt. Inwiefern das Ganze auch nur im entferntesten Sinn machen soll, ist für mich schleierhaft.

Das könnte natürlich auch der Sinn sein. Rein instinktives Handeln ohne auch nur eine Minute darüber nachzudenken. Es muss keinen Sinn machen, da ein Tier ohne ein menschliches Bewusstsein und ohne Verstand handelt. Warum sollte es dann die Protagonistin?

Vermutlich stört am meisten, dass nichts so wirklich eine Konsequenz nach sich zieht. Egal, was Ania macht, irgendwie verschwindet es einfach hinter ihr und keiner fragt mehr nach, was der ganze Spaß jetzt eigentlich sollte. Genauso auch, als Ania ihrer Kollegin im Bad einfach mal eben den BH auszieht und an ihren Haaren schnüffelt, ohne dass eben jene Kollegin auch nur mit der Wimper zuckt. Da fragt man sich schon irgendwann, ob der, der dieses Skript geschrieben hat, jemals einer menschlichen Interaktion beigewohnt hat.

Nun. Wer sollte sich diesen Film ansehen? Meiner Meinung nach Niemand. Muss einfach nicht unbedingt sein. Außer vielleicht man steht auf Filme, die so voll von Absurdität und einer angeblich so tiefsinnigen Message sind, dass man sie sich ansteckt wie Orden, um sie dann bei der nächsten Feier nach dem fünften Glas Rosé herauszukramen und seinen Freunden zu verstehen zu geben, dass man ein wahrer Connaisseur der Filme ist und nicht vor essentiellen philosophischen Fragen in solchen Handlungen zurückschreckt Aber Süße/r, das verstehst du nicht, das ist Kunst.

 

Ein Wolf zum Verlieben

von Kian Pontes Trabula

Zerzaustes Haar, großes Maul und wiener‘ Dialekt. Boris ist ein armes Schwein! (und vor allem kein Wolf). Er ist weiß, männlich und Chef eines Lifestyle Magazins in Halle an der Saale. Schlimmer kann man(n) es kaum treffen, möchte man meinen. Doch zu alledem lässt sich seine zur Arbeitsaffaire auserkorene Mitarbeiterin Ania nicht von seiner berauschenden Männlichkeit einschüchtern und schikanieren – was ihn in eine tiefe Männlichkeitskrise wirft.
Nicolette Krebitz schafft in ihrem Film Wild von 2016 eine interessante Parabel auf die aufbrechenden Rollenverhältnisse in unserer Gesellschaft. Verpackt in einem absurd anmutenden Setting, der romantischen Beziehung zwischen der Protagonistin Ania und einem Wolf, polarisiert jedoch hauptsächlich die Nachvollziehbarkeit der Handlungen, welche die eigentlich erwarteten Grenzüberschreitungen verwehrt. Doch erstmal zum relevanten Teil:

Boris ist nicht der Protagonist dieses Filmes (!), sondern die seiner überschwänglichen Libido entringenden Ania. Zum Glück muss man sagen, denn wer will sich schon 88 Minuten ein chauvinistisches Arschloch anschauen, das mit seinem Wienerisch auch noch das letzte Fünkchen Ernsthaftigkeit in jeder rezipierenden Person auslöscht.

Ania dagegen ist eine junge IT-Spezialistin, die isoliert in den Plattenbauten von Halle ein scheinbar trostloses Leben führt. Sie ist die prädestinierte Charakterin für eine klassische Film-Romanze.

Sie, einsam, von der Familie verlassen und auf der Arbeit von einem Idioten mit anstrengender Mundart terrorisiert, sehnt sich nach Nähe und Einfühlsamkeit. Er (oder auch sie), cornert im Park nebenan umher, scheint unerreichbar, ist aber eigentlich ein Rudeltier. Was ein wenig zu sehr nach Twilight klingt, wird von Krebitz narrativ und filmisch lange Zeit auch genau so erzählt. Fehlgeschlagene Annäherungsversuche, eine aufopferungsvolle Jagd und anfängliche Beziehungskrisen eingeschlossen. Doch spätestens als Ania vom Alltag geschafft in Tränen auf ihrem Bett zusammenbricht und Wolfi* im Gegenlicht der untergehenden Sonne vom Balkon zu ihr tritt, um ihre Tränen zu trocknen und Füße zu lecken, ist das romantische Filmgenre unverkennbar repräsentiert und kein „Marley & Ich“-Fan-Auge mehr trocken.

Aber mal Wolf bei Seite. Die Konklusion führt uns wieder zum ernsten und wichtigen Teil, der maßgeblich in der Figurenkonstellation zwischen Ania, Wolfi und Boris liegt. Denn für Ania sind die gesamten Geschehnisse ein Prozess der Emanzipation von gesellschaftlichen Machtstrukturen und in erster Linie dem Patriachat. In dem sie Boris hegemoniale Maskulinität nicht bestätigt, sondern untergräbt, stärkt sie ihre eigene emanzipierte Position und bricht mit seinem konservativen

Verständnis von Rollenbildern. Der Wolf ist dabei lediglich abgetragene Metapher im umgekehrten Sinne von Rotkäppchen. Der Wolf ist nicht mehr der übergriffige Mann, sondern das nötige Selbstbewusstsein von Frauen in unserer patriarchalen Gesellschaft, welches nun die Männer konfrontiert. Boris, der sich seine gesellschaftliche Dominanz immer wieder zunutze gemacht hat, zerbricht endgültig an seinem eigenen Männlichkeitsbild, wenn er nicht mal mehr als potenter Sexualpartner eine Daseinsberechtigung besitzt. Doch seine große männliche Tragik ist, dass er letztendlich nicht aus seinem System ausbrechen kann, er muss, und dass vollkommen zurecht, sich selbst mit dem Ende seines Patriachats konfrontieren.

Krebitz unterstreicht mit ihrem Film die gesellschaftliche Wende, die noch lange nicht am Ende ist. Nicht nur die Emanzipation der Frau, sowohl gesellschaftlich als auch filmisch, sondern auch die Krise des weißen Mannes portraitiert der Film unaufgeregt und gleichsam schmerzhaft amüsant. In Zeiten, in denen Männer genauso wenig gebraucht werden wie stubenunreine Wölfe und sich selbst der männlichste Rasierhersteller selbstreflektiert, kann man sie nur noch bemitleiden. Die Armen. Hoffentlich kann man die Tränen zur Nassrasur nutzen.

* Wer sexuell aktiv ist, hat zumindest einen netten Spitznamen verdient. (Subjektive Meinung des Autors)

 

WILD – Oder, wie eine verrückte Frau mich in einem Zimmer eingesperrt hat

von Mehdi Gülec

Ich weiß nicht wo ich anfangen soll… Eigentlich wollte ich in Halle nur meinen Cousin besuchen, doch irgendwie habe ich mich verlaufen und habe nur einen kleinen Wald gefunden, wo in der nähe auch Plattenbausiedlungen sind. Dann hatte ich plötzlich das Gefühl, dass mich Jemand beobachtet, und sehe, wie eine Frau mich schockiert anguckt. Ich meine, ja, ich bin jetzt nicht der hübscheste, aber so wie sie mich angeguckt hat, habe ich gedacht, dass ich vielleicht das hässlichste Geschöpf der Welt bin. Naja, ich bin dann in den Wald zurückgekrochen und wollte nicht, dass sie mit ihren schockierten menschlichen Augen mich so anguckt.

Paar Tage später wurde ich gekidnappt. Ich kann mich leider nicht mehr richtig erinnern, aber ich weiß nur, dass überall bunte Laken im Wald verteilt waren und ich mir gedacht habe, dass es da eine schöne Fiesta gibt. Aber leider habe ich wieder nur diese eine Frau gesehen, und auf einmal bin ich eingeschlafen. Als ich aufgewacht bin finde ich mich in einem Zimmer wieder. Ich bin eingesperrt. Kein richtige Luft. Kein Wald und kein Stöckchen mit dem ich spielen kann. Ich sehe nur einen Glory-Hole, wo eine Person mir Fleischstückchen wirft. Am Geruch ihrer Hand habe ich bemerkt, dass es die verrückte Frau ist, die mich in dieses runtergekommene Zimmer eingesperrt hat, wo noch nicht mal ein Student wohnen würde. Wie soll ich da dann wohnen? Ich meine diese Frau hat einen Schaden. Ich glaube, sie ist einsam und isoliert, von der Gesellschaft und von ihrem Alltag, aber warum isoliert sie jetzt mich? Was habe ich ihr angetan?

Das ging dann mehrere Tage so weiter. Im Zimmer habe ich schon mein Revier markiert und auch viele Häufchen hinterlassen. Also ist das meine Toilette, mein Schlafzimmer, wie auch mein Esszimmer. Im Zimmer habe ich dann eine Betriebsanleitung gefunden, wie man eine Wand richtig bohrt. Dadurch habe ich angefangen zu bohren. Ja, ich habe mir selber beigebracht wie man bohrt, und auch wenn ich keinen Bohrer hatte, habe ich es irgendwie geschafft. Einige würden Plothole dazu sagen, aber ich nenne es Magie.

Als ich die Wand wie ein DSF-Lastwagen-Zieher weggeschoben habe, war die Frau schockiert und hatte höllische Angst. Eigentlich wollte ich sie töten, aber irgendwie hat sie mir dann doch Leid getan. Ich meine, sie ist gefangen in einem Arbeitszyklus, was sich nicht ändert. Sie ist nur noch eine Hülle, die zur Arbeit geht, und jeden Tag den gleichen langweiligen Kram macht und dann wieder nach Hause kommt. Tagein Tagaus. Deswegen habe ich sie in Ruhe gelassen. Als ich nach ihr sehen wollte, merke ich auf dem Boden eine Blutspur. Ich bin der Spur gefolgt und sehe sie nackt auf der Toilette. Ich so, „OKAY“, und habe das restliche Blut von ihr geleckt, und merke, dass sie komische Geräusche gemacht hat. Ich weiß nicht, aber Humanophilie ist in meinem Rudel nicht gut angesehen und wenn das einer herausfindet, werde ich nur noch als „Menschenlecker“ im Freundeskreis gebrandmarkt.

Danach haben wir zusammen geschlafen und irgendwie habe ich angefangen sie zu mögen. Sie ist immer noch extrem eigenartig und verrückt, aber sie ist nicht böse. Dazu hat sie mir am nächsten Tag ein schönes Frühstück zubereitet . Währenddessen habe ich auch mitbekommen, dass sein Chef ein Arsch ist und das sein Vater (oder doch Opa) im Koma liegt.

Paar Tage später kam Ania plötzlich zurück und hat gesagt, dass wir abhauen müssen. Ich hatte aber kein Bock, weil ich mich endlich gewöhnt habe hier zu leben. Aber nein, sie schleppt mich auf den Dach. Was ich an dem Tag auch komisch fand ist, dass sie so anders gerochen hat, als sonst.

Plötzlich kam irgendein Typ und ich wurde richtig sauer, weil ich jetzt wusste wonach Ania riecht. Und da konnte ich nicht anders als seinen Chef zu zerfleischen. Ania fand es nicht so gut und wir sind so schnell wie möglich aus dem Gebäude geflohen und lebten dann in der Wildnis. Ich war endlich wieder in meinem eigentlichen Habitat und irgendwie hat es Ania auch gut getan, da sie endlich frei wurde und aus ihrer isolierten und eintönigen Leben entflohen ist.

Ich frage mich nur, ob ich meine Geschichte verfilmen sollte. Aber wer sollte so etwas denn überhaupt angucken, und warum? Es wird nur fragende und schockierte Gesichter auslösen. Ania hat mir auch erzählt, dass er nach dem Geschlechtsverkehr mit seinem Chef noch auf den Tisch gekackt hat und danach das Büro angezündet hat. Ich habe einfach nichts gesagt, obwohl das schon echt gestört ist, aber ich wollte sie jetzt nicht wütend machen. Aber als Film würde es vielleicht funktionieren. Aber wie soll ich es denn dann nennen? „Shape of the Wilderness“? Ja, hört sich ganz geil an.

 

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>