Tutorium “Filmkritik” – Jimmie (Stell’ Dir vor, Du müsstest fliehen)

Im Rahmen des Tutoriums “Filmkritik” wurden von Studierenden der Hochschule für Bildende Künste Kritiken zu ausgewählten Filmen verfasst.

Hier die Kritiken zu Jimmie (Stell’ Dir vor, Du müsstest fliehen) (Jesper Ganslandt, 2018)

Was wäre, wenn…

von Monique Koppelberg

… du morgen fliehen müsstest? Für die meisten von uns wäre das undenkbar. Von heute auf morgen
alles stehen und liegen lassen zu müssen, nur das Nötigste mitnehmen zu können um zu überleben,
weil es in der eigenen Heimat nicht länger sicher wäre. Dies ist komplett unvorstellbar für uns, die
wir im behüteten Europa leben. Doch was wäre, wenn auf ein Mal hier, in einem europäischen
Land, das passieren würde, was seit Jahren in Ländern wie Syrien, Afghanistan, Nigeria oder dem
Iran passiert? In Jimmie oder im Deutschen Stell dir vor, du müsstest fliehen soll genau dieser
Fall eintreffen.

Der offiziell am 7.03.2019 in den deutschen Kinos erscheinende, schwedische Independent-Film
von Jesper Ganslandt begleitet den vierjährigen Jungen Jimmie und seinen Vater (verkörpert von
Jesper Ganslandt und seinem Sohn Hunter) auf ihrer Suche nach einer sicheren Bleibe als es in
Schweden zu einer Reihe gewalttätiger Konflikte kommt. Hierbei steht der vierjährige Jimmie als
Hauptfigur im Fokus des Geschehens.

Was vermutlich als Versuch gedacht war, die Situation der Migrationsbewegung in Richtung Europa
den Menschen näherzubringen, wirkt doch weniger wie ein Gedankenexperiment, wie der deutsche
Titel einen glauben lassen könnte, als mehr wie ein Spielfilm.

Als Zuschauer begleiten wir Jimmie auf seiner Reise, auf der er einige Male seinen Vater findet und
wieder verliert, bis er ihn endgültig bei der Flucht von einem Schiff verliert und somit ohne seinen
letzten verbliebenen Elternteil, nachdem seine Mutter im Zuge der Konflikte eines Tages nicht mehr
heimkam, weiterziehen muss.

Emotional gesehen, hat der Film mich definitiv gepackt. Ich kann nicht leugnen, dass mir bei der
einen oder anderen Szene eine Träne die Wange hinabgelaufen ist, da die Beziehung zwischen
Jimmie und seinem Vater eine unglaublich herzzerreißende ist. Immerhin reden wir hier von einem
Vierjährigen, der durch Europa wandert, umgeben von Fremden und ohne seine Eltern. Der Film
hat mich mitfiebern lassen, hoffen lassen, dass er eventuell doch noch ein Happy End haben könnte.
Umso trauriger war es, als der Vater im Meer verschwand und Jimmie allein in dem
Flüchtlingslager weinend umherirrte.

Doch auch, wenn die emotionale Intensität des Films mich gefesselt hat, gab es einige Dinge am
Film, die mir missfielen.

Einerseits empfand ich es als störend und teilweise verwirrend, dass es so viele Szenensprünge gab,
da ich dadurch, dass man keinerlei Indiz hatte, an welchem Punkt der Flucht Jimmie sich nun
befand, da er ja teilweise auch innerhalb der Flucht nach der ersten Trennung von seinem Vater
wieder mit jenem vereint wurde und sie gemeinsam weiterzogen, Probleme damit hatte der
Handlung zu folgen. Man könnte natürlich argumentieren, dass die Szenensprünge aus der
Verwirrtheit Jimmies resultieren, der sich versucht an Einzelheiten der Reise zu erinnern, aber selbst
wenn jene Szenensprünge als stilistisches Mittel eingesetzt werden sollten, haben sie mich doch
mehr verwirrt als, dass sie mich den Film haben besser verstehen können.

Eine weitere Sache, die mir negativ aufgefallen ist, ist die Stagnation Jimmies als Charakter des
Films. Auch wenn es sich bei Jimmie um ein kleines Kind handelt, muss man bei einem solchen
Film doch davon ausgehen, dass ein Charakter mit Jimmies Vergangenheit, der beide Eltern verloren hat und allein durch die Welt irrt, irgendeine Form von Veränderung durchmacht. Natürlich
kann man nicht die gleiche schauspielerische Leistung wie von einem Erwachsenen erwarten, aber
die Stetigkeit seines Charakters ist, wie ich finde, dem Film nicht entsprechend.
Der Grund für die Notwendigkeit der Konstruktion einer fiktiven Konfliktsituation aus der Sicht
eines privilegierten, nordeuropäischen Landes bleibt mir teilweise unklar, auch wenn ich mir
denken könnte, dass Ganslandt versucht hat darzustellen, dass so eine Situation auch in einem
europäischen, unserem Leben eher ähnelnden Land, eintreffen könnte.

Am Ende versucht der Film doch genau das, was er bei den meisten Leuten auch erreicht: Auf die
Situation der Migrationsbewegung aufmerksam machen und Verständnis für die zu wecken, die ihr
altes Leben aufgrund von Krieg oder Ähnlichem zurücklassen müssen. Natürlich lässt sich über die
Ausführung streiten und sicherlich ist der Film nicht unfehlbar, aber letztlich übermittelt er doch
eine Nachricht und zwar die, dass es jeden von uns treffen könnte, dass jeder von uns in eine solche
Situation geraten könnte und wir genau deshalb denjenigen, denen jenes Schicksal widerfährt, mit
Verständnis und Hilfsbereitschaft entgegentreten sollten.

 

Jimmie – eine Geschichte, die das Herz berührt, aber nicht darin eindringt.

von Ilka Wawrzyniak

Ein kleiner Junge namens Jimmie treibt allein im Meer, während die Kamera immer wieder von Wellen überschwemmt wird. Aus dem Off eine beruhigende Stimme, die seines Vaters, die zu dem Jungen spricht. So beginnt Jimmie, ein Film von Jesper Ganslandt, der das International Film Festival in Rotterdam 2018 eröffnete. Ganslandt erzählt innerhalb von 91 Minuten die Geschichte von Jimmie, einem vierjährigen Jungen aus Schweden, der zusammen mit seinem Vater aus seiner Heimat fliehen muss. Sie flüchten mit dem Auto, zu Fuß, dann mit dem Boot über Meer und Ozean hinweg. Jimmie muss dabei lange Wege auf sich nehmen und wird immer wieder von seinem Vater mit dem Versprechen angetrieben, dass sie bald da seien und der Junge dann endlich seine Mutter wiedersehen würde.

Wir begleiten ihn dabei, wie er mal spielt und lacht, mal verängstigt und traurig ist, während er an der Seite seines Vaters rennt, kauert, und trottet. Wir erfahren seine Verwirrung und Desorientierung, die weiter durch den Einsatz einer Handkamera unterstützt wird, die ebenso unstet wie die Stimmung des Jungen ist. Dabei fokussiert die Kamera meistens auf Jimmie, während der Hintergrund sich in Unschärfe verliert und andere Personen oft aus der Froschperspektive gezeigt werden. Wir folgen Jimmie nicht nur, wir sehen auch durch seine Augen hindurch und werden mit in das Geschehen hinein gezogen.

Aufgebrochen wird dieses Gefühl nur durch die Art der Narration und ihrem Fluss. Statt die Flucht des Jungen als lineare Abfolge von Umständen zu erzählen, springt die Erzählung von der noch eher unbeschwerten Kindheit in einem bereits grau und verlassen wirkenden Schweden zu Szenen der Flucht durch ein fremdes Land, zu Menschen, die ihm feindlich gegenüberstehen und zu anderen, die ihm helfen wollen. Hier verlangt der Film einiges von seinen Rezipierenden. Wir werden aufgefordert gut aufzupassen und die Puzzleteile der Geschichte zum Schluss selbst zusammenzubauen. Wenn man auf einen ruhigen Kinoabend aus ist, an dem man einfach mal abschaltet und einen leicht zu verdauenden Film auf sich wirken lassen will, ist man bei Jimmie also auf mehr als eine Weise vollkommen falsch.

Jimmie ist ein Film voller Herz und Intimität – und doch fehlt etwas. Etwas fühlt sich nicht ganz richtig an. Zum Teil dürfte das an dem Abstand liegen, die die Kamera in vielen Einstellungen von Jimmie nimmt, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass Ganslandt seinen eigenen Sohn, der Jimmie spielt, nicht mit der Nähe des Aufnahmegeräts einschüchtern wollte. Doch diese Distanz schafft auch eine Distanz zum Rezipierenden. Wir sehen die Verzweiflung und die Verwirrung, doch sie kommt nicht ganz bei uns an.

Zudem trägt der Film im Deutschen den Titel Stell dir vor, du müsstest fliehen, der so grässlich offensichtlich die Intention des Regisseurs auffängt, den Rezipierenden seines Films ein Gefühl von Empathie einzuflößen, indem er der aktuellen Flüchtlingsproblematik und den damit verbundenen Flucht-Narrativen einen Perspektivwechsel aufdrückt, dass man denjenigen, der für diese Übersetzung und Namensgebung zuständig war, direkt entlassen möchte. Schlimmer ist nur, dass der Perspektivwechsel nicht ganz funktioniert, da er durch die Perspektive des Kindes noch weiter getrieben wird, bis er die Narrative so sehr verzerrt, dass der Film nicht ganz so tief geht, wie er gekonnt hätte. Die Augen des Kindes erlauben keine weiterreichenden Darstellungen oder Diskussionen der Problematik, sondern zeigen manchmal eher oberflächlich und oft sehr entschärft das Geschehen und die Auswirkungen von Krieg und Flucht.

Man möchte man sich die Frage stellen, welches Publikum hier angesprochen werden sollte und wie der Film denn nun letztendlich ankommt. Ganslandt versucht zwar, durch den Wechsel der Perspektive daran zu erinnern, dass eine Flucht aus dem eigenen Land auch in Nordeuropa zur Realität werden könnte und man sich deshalb darauf besinnen sollte, dass jedem Menschen in einer solchen Situation eine helfende Hand gereicht werden sollte, doch mit seiner Narration schwingen auch Untertöne von Privilegiertheit der westlichen Welt mit. Wieso soll es nötig sein, ein engelsgleiches skandinavisches Kind als Flüchtling darzustellen, um Mitleid zu erzeugen? Hätte Ganslandt nicht ein ganz ähnliches Ergebnis erzielen können, hätte er eine echte statt einer künstlich fabrizierten Flüchtlingsgeschichte erzählt? Die Meinungen gehen auseinander.

Letztlich ist Jimmie ein wirklich bemerkenswerter Film, der – nicht ganz erfolgreich und nicht ohne kontrovers zu werden – mit einem Gedankenexperiment und einer Perspektive beeindruckt, wie sie es eher selten zu erfahren gibt. Aber ein zweites oder drittes Mal würde ich den Film vermutlich nicht sehen wollen- dafür ging er doch zu nahe.

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