Tutorium “Filmkritik” – Fallen Angels

Im Rahmen des Tutoriums “Filmkritik” wurden von Studierenden der Hochschule für Bildende Künste Kritiken zu ausgewählten Filmen verfasst.

Hier die Kritiken zu Fallen Angels (Wong Kar-wai, 1995)

„Fallen Angels” – Crazy (Camera) Angles

von Marcel-Jesse Pascheka

Fallen Angels ist ein von Wong Kar-wai geschriebener und inszenierter Film aus Hong Kong, welcher 1995 erschienen ist. Wong Kar-wai erzählt dabei zwei parallel laufende Geschichten aus dem hongkonger Nachtleben.

Der eine Teil handelt von einem Auftragsmörder, seinem Beruf und der Beziehung zu seiner Partnerin, die ihn bei den Aufträgen unterstützt, obwohl sie keinen wirklichen Kontakt zueinander hegen. Parallel dazu wird die Geschichte eines aus dem Gefängnis entkommenden, stummen Verbrechers gezeigt, der bei seinem Vater lebt und sein Geld dadurch verdient, dass er nachts in geschlossene Läden einbricht und deren Waren und Dienstleistungen an unfreiwillige Kunden verkauft. Dabei trifft er häufiger auf ein Mädchen, in das er sich im Laufe des Films verliebt und darauf sein Leben ändert.

Dabei sind beide Protagonisten, so wie eigentlich jeder andere Charakter, komplett anders, als das, was man im Kino und Fernsehen für gewöhnlich sieht. Sei es die fast schon überstilisierte Coolness des Auftragsmörders, das schrille und energiegeladene Auftreten von „Blondie” oder die Leichtigkeit und kindliche Art des stummen Verbrechers. Obwohl alle Charaktere offensichtlich verrückt sind, werden sie dennoch sehr sympathisch dargestellt, was es noch trauriger macht, dass beide Geschichten zu kurz kommen. Durch das Erzählen von zwei Geschichten, die sich zwar überschneiden, jedoch kaum einen Einfluss aufeinander haben, müssen teils sehr interessante Geschehnisse durch eine Zusammenfassung wiedergegeben werden, damit der Film bei einer normalen Lauflänge landet. So wirken die Handlungen zum Teil gehetzt, wodurch man gelegentlich nicht nachvollziehen kann, wie ein Charakter von A nach B kommt.

Die Verrücktheit, die durch die Charaktere und Geschichte gezeigt wird, zieht sich durch jede Ebene dieses Films. Schon in den ersten Minuten fällt da die Kamera auf, welche zwischenzeitlich komplett unintuitiv genutzt wird. Sei es, dass sie aus einem ungewöhnlichen Winkel filmt, viel zu nah oder zu weit weg steht, von einem Objekt zur Hälfte verdeckt oder hinter einem Wasserfall positioniert wird. Doch obwohl man die Kamera so außergewöhnlich nutzt, wirkt es nie störend, da immer noch so viel klar sichtbar gezeigt wird, dass man der Szene folgen kann. Auch einige schauspielerische Leistungen sind für das Medium Film ausgefallen. Während ein Großteil sehr typisch und klassisch geschauspielert wird, gibt es immer wieder Szenen, in denen durch starke Übertreibung komplett unnatürliche Bilder entstehen, beispielsweise bei den Attentaten des Auftragsmörders, in denen seine Opfer tanzen, als würden nicht wenige, sondern Millionen Kugeln gleichzeitig ihre Brust durchlöchern.

Zusammenfassend lässt sich der Film also am besten mit den Worten „verrückt” und „ungewöhnlich” beschreiben. Doch obwohl Fallen Angels in vielen Szenen komplett fremd wirkt, wird dies, dadurch dass er auf jeder Ebene so ist, zu seinem größten Merkmal und seiner größten Stärke. Denn auch wenn die Narrative durch das Pressen in die Lauflänge des Films Schaden nimmt, kann das Interesse dafür, was für untypische Charaktere, Kamerawinkel und Szenen noch gezeigt werden, den Film dennoch über seine volle Länge sehenswert machen.

 

Von Minnesängern und Macho-Gangstern

von Marvin Pietsch

Wer bisher gedacht hat, dass der moderne Minnegesang immer noch in Text- und Musikform am besten funktioniert, hat noch nie einen Film von Wong Kar-Wai gesehen. Wie kein anderer hat das Aushängeschild des Hongkong-Kinos die Thematik der unerfüllten Liebe zunächst Anfang der 90er mit Filmen wie Chungking Express und Fallen Angels revolutioniert und schließlich im neuen Jahrtausend mit In the Mood for Love perfektioniert. Fallen Angels sticht hierbei unter den drei genannten Filmen wie der hyperaktive kleine Bruder heraus. Fast nie mag die frenetisch wackelnde Handkamera stillstehen und wenn, dann doch scheinbar immer im schiefen Dutch Angle, welcher die verquere Story umso mehr verbildlicht.

Fallen Angels umspannt mit seinen Storyfäden nicht nur ein gewöhnliches Liebesdreieck, eher ein Quadrat – nach Auslegung sogar ein –fünf oder –sechseck. Während der Auftragsmörder Wong Chi-ming eigentlich auf die Prostituierte Blondie steht, verzehrt sich seine Assistentin nach ihm. Blondie heult aber lieber noch ihrem Ex hinterher und Wong weiß nix von seinem Status als tragische Masturbationsvorlage für seine Assistentin. Währenddessen wird parallel noch die Geschichte von Ho Chi-mo erzählt, einem verrückten Tauben, der in Läden einbricht und Menschen dazu zwingt, die gestohlenen Waren zu kaufen. Dabei hechelt er Charlie hinterher, welche noch ihrem Ex hinterhertrauert, welchen sie wiederum an Blondie verloren hat. Charlie ist dabei so wenig an Ho Chi-mo interessiert wie er an legalen Geschäftspraktiken. Irgendwann verstricken sich alle Storyfäden zu einem komplizierten Netz zusammen, welches mitunter so schwer zu entwirren ist, wie es sich in Kurzform liest.

Dass der Film den Zuschauer mit dem wirren Netz nicht gleich erdrosselt ist ein Wunder, denn eigentlich müsste die visuelle Bildgewalt noch zusätzlich als Last an den Füßen hängen. Doch die kalten grün- und gelbstichigen, vom Neonlicht-gequälten Bilder brennen sich direkt auf die Retina und ins Hirn. Wong hat hier den visuellen Grundstein für die 2000er gelegt, der sonst immer bei Matrix verortet wird. Und obwohl dieser Stil im neuen Jahrtausend bereits totgefilmt wurde, hat Fallen Angels in den 20 Jahren nichts an Frische und Avantgarde-Gefühl verloren. Weil Wong Kar-Wai schon ein Jahr nach Pulp Fiction wusste, wie er die gezeigte Gewalt, den Machismo und Virilität der Charaktere umdrehen und gegen sie verwenden kann: wenn Auftragskiller Wong Chi-ming in Slow-mo durch Korridore schlendert und einen ganzen Raum mit Menschen umlegt, während im Hintergrund in gebrochenem Englisch „because I’m cool“ gesungen wird, ist das schon Ironie genug. Aber das Image des Killers wird noch weiter verweichlicht, wenn ein alter Schulfreund ihm im Bus eine Lebensversicherung aufschwätzen möchte. Und auch die Nebenhandlung um Charlies Beziehung zu seinem Vater versucht die Ordnung und das Herz in einem scheinbar hoffnungslos verqueren und unkalkulierbaren Charakter zu finden.

Insgesamt bleibt Fallen Angels durch seine ruhelose Kamera und komplizierte Geschichte ein ziemlich fordernder Film. Wem Chungking Express zu verträumt und In the Mood for Love zu sperrig ist, dem wird Fallen Angels dennoch sicherlich gefallen.

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