“Tuesday, after Christmas”

Nähe und Distanz sind beliebte Themen im Film. Und natürlich gehören zum Ganzen nicht nur die Menschen auf, sondern auch jene vor der Leinwand, für die der Film gemacht ist. Die Einstellungsgröße ist unter dieser Betrachtungsweise ein Werkzeug, das dazu genutzt wird, um den Zuschauer direkt oder indirekt in zwischenmenschliche Momente der Freude und/oder Dilemmata einzubinden bzw. auszuschließen, um also Dinge zu zeigen oder sie zu verbergen oder auch beides. Wenn ich in Tuesday, after Christmas in der ersten Einstellung – eine von vielen beeindruckend langen Plansequenzen – Paul und Raluca über mehrere Minuten aus einer halbnahen Einstellung beim sich Necken, Befummeln und vor allem nackt sein zusehen muss, dann stellt sich folgende Reaktion ein: Gleich dem Milchtritt möchte ich mir die beiden Körper vom Leib halten. Nicht, dass ich ein Problem mit Nacktheit und Sex hätte, aber es tritt eine Art Schutzmechanismus ein, weil ich es nicht mag, wenn man mir so nah auf die Pelle rückt; auch nicht im Kino.

So zähle ich also die Leberflecken, die Körper und Leinwand sprenkeln und wünsche mir einen Schnitt, der aber erst sehr viel später kommt, und nichts weiter zeigt, als die nächste Knast-Einstellung, die einem Atemnot bereitet. Und das trotz CinemaScope. Oder vielleicht gerade deswegen, da die Kadrierung ein Gefühl der Eingeschlossenheit heraufbeschwört und die Umgebung mit in das Spiel einbezogen wird, jedoch als Begrenzung, nicht als Element der Öffnung.

Als im Lauf des Films die zweite Frau ins Bild kommt und sich als Pauls langjährige Ehefrau Adriana entpuppt, wird klar, dass das mit Raluca entweder nur eine Bettgeschichte oder aber Liebe im Spiel ist. Da es den beiden offensichtlich nicht nur um Sex geht, trifft eher letzteres zu. Die frische Liebe funktioniert im Film als Antithese zur routinierten Ehe, die stark reduziert und gefühlsarm wirkt: Flüchtige Küsschen auf die Wange, ein keinerlei sexuell konnotiertes Miteinander, nur gewohntes beisammen sitzen, recht unpersönliche Gespräche und mittendrin eine Tochter, die durch ihr niedliches Wesen etwas Humor in die Sache bringt. Sie ist sozusagen die letzte Naht, die die sowieso schon gescheiterte Beziehung zusammenhält und sie macht selbst einen Zahnarztbesuch, wo ihr eine Spange angepasst wird, zu einer recht vergnüglichen Angelegenheit, auch wenn sich ausgerechnet dort die beiden Frauen begegnen (Raluca arbeitet dort als Zahnärztin und behandelt das Kind). Jedoch kennen sie sich nicht. Raluca wirkt aus diesem Grund angespannt, überspielt ihren Stress aber mehr oder weniger erfolgreich; Paul macht es ihr gleich.

Passend zu dieser Grundsituation existiert noch eine zweite: Weihnachten steht ins Haus. Stress und Hektik nehmen überhand; man will das möglichst schnell hinter sich bringen. Was schenkt man bloß dem Kind? Und wo soll die Feierlichkeit überhaupt stattfinden? In diesem hin und her lässt Paul die Bombe platzen und gesteht seiner Frau, dass er verliebt ist. Nur eben nicht in sie. Er hat sich also schon entschieden, ganz sicher nicht für seine Frau. Diese heult und ist erbost, geht auch kurz auf ihn los, er kommt ihr mit „ich wollte dich nicht verletzen“, „das war so nicht geplant“ und anderen klischeebeladenen Aussagen. Ihr Kind wird er nie wieder sehen, sagt sie. Und trotzdem ziehen Paul und Adriana am Ende noch einmal routiniert das Ehe-Programm durch, wenn sie mit Tochter und Eltern Weihnachten verbringen. So wird alles zur Funktion: Die Tochter, als letztes Bindeglied und Grund der Ehe-Inszenierung, Weihnachten als Grund des Zusammenseins, ein zweifelhafter Ausdruck für Familienglück und Harmonie und das Verhalten von Paul und Adriana, weil sie den anderen das Fest nicht vermiesen möchten; das sagen sie zumindest so.

Regisseur Radu Muntean versetzt den Zuschauer in die Rolle eines Voyeurs. Gerade die Anfangsszene wirkt so, als hätte man eine Kamera in Ralucas Schlafzimmer versteckt und würde den beiden heimlich zusehen. Der Voyeur-Charakter zeigt sich auch dadurch, dass Muntean nur das abbildet, was im Moment passiert. Über die Innenwelt der Charaktere erfährt man nichts, ebenso wenig über deren Vergangenheit und darüber, wie es um die Ehe im Allgemeinen bestellt war und was die Personen wirklich von ihrem Gegenüber denken. So weiß man als Zuschauer nur sehr wenig und schaut eben einfach zu. Und es kommt dem Film dabei nur zugute, dass er teilweise so strapaziös ist, denn das passt einfach zum Thema. Ich möchte keinen unterhaltsamen Film über Beziehungsprobleme dieser Art sehen und will aus dieser Thematik auch nicht mit einem wohligen Gefühl im Bauch entlassen werden. Die große Stärke des Film ist, dass Muntean beides verhindert und ein Familiendrama drehte, das einem nahe geht, obwohl man sich für die Probleme der Menschen im Film wohl kaum ernsthaft interessiert, es sind ja letztendlich nicht die eigenen. Das spielt in diesem Film besonders eine Rolle, weil er so konzipiert ist, als würde sich die Geschichte irgendwann irgendwo in irgendeinem beliebigen Haushalt abspielen.

Tuesday, after Christmas ist passend zur Weihnachtszeit nicht nur eine Anti-Romanze, sondern auch ein Anti-Weihnachtsfilm, der nicht schön oder ermunternd sein möchte, sondern entlarvt und desillusioniert.

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