Toz bezi / Dust cloth

(Türkei/Deutschland 2015, Regie: Ahu Öztürk) (Forum)

von Paula Hauch

Zwei Frauen sitzen auf der Couch, die eine entfernt der anderen mit einem Faden die feinen Härchen auf der Oberlippe. Sie beugt sich über sie. „Drück’ die Zunge gegen die Haut.“ Die Frauen schnattern munter weiter, während der Faden immer wieder über die Haut surrt.

Eine Frau sitzt mit ihrer Tochter auf der Couch. Sie sitzt hinter ihr und kämmt ihr die nassen Haare. Der Kamm verfängt sich immer wieder. Anstatt die Haare sanft mit den Fingern zu trennen, geht die Frau immer wieder mit dem Kamm hinein, so fest, dass sich der kleine Kopf der Tochter, immer wieder ruckartig nach hinten biegt; die erträgt das alles stoisch.

Eine Frau sitzt auf der Couch. Es ist dunkel. Neben ihr schläft ihre Tochter. Sie kämmt sich die Haare, zieht die rausgekämmten aus der Bürste und reibt sie zwischen ihren Händen zu einer Kugel. Dann steht sie auf und wirft sie aus dem offenen Fenster.

Zwei Putzfrauen aus Istanbul haben Probleme mit ihren Männern. Die eine, Nesrin, weil ihrer gegangen ist, die andere, Hutan, weil ihrer immer da ist. Aber es sind nicht nur die Männer, es ist das Leben, was den beiden zu schaffen macht. Ein langsames, immergleiches Leben. Der Film zeigt wie in einer Endlosschleife dieselben Orte: der Esstisch, an dem Hutan dem Sohn das Brot verbietet, weil er schon Reis hat; an dem sie mit dem Mann streitet, weil er das Rohr im Bad nicht repariert – das tropft und tropft. Die Couch, auf der Nesrin mit der Tochter nächtigt und immer wieder dieselben Tasten auf dem Telefon drückt: „The person you have called is …“

Für von Hollywood getrübte Augen ist die Optik des Films erst einmal gewöhnungsbedürftig. Frauen mit Schweißflecken, fahler Haut, zerrauften Haaren. Der Film zeigt sie schonungslos in ihrer Trostlosigkeit mit Jogginghosen und hängenden Schultern. Im Laden betrachtet Nesrin sich im Spiegel, ebenso schonungslos. Der rote oder der schwarze Mantel? Der schwarze.

Das Geld ist knapp, bei Hutan wie bei Nesrin. Sie fragen die Frauen, bei denen sie putzen. Die sind ganz nett, aber mehr Geld, das geht zu weit. Die Arbeitsbedingungen sind von außen betrachtet nicht zu kritisieren, Nesrins Chefin gibt sich freundschaftlich, möchte ihr bei der Suche nach einem besseren Job helfen. Dennoch ist es elend mitanzusehen, wenn Nesrin ihrer Tochter das Brot in den Mund stopft und selbst die letzten Bissen herunterwürgt, bevor die Frau, deren Wohnung sie putzt, mit klappernden High Heels nach Hause kommt.

Die kleinen Szenen. Sie zeigen, wie Nesrin sich und ihre Tochter über den abwesenden Mann vergisst. In einem eindrücklichen und verzweifelten Moment glaubt Nesrin ihren Mann auf der Straße zu sehen und rennt ihm hinterher, an der Hand die Tochter, die nicht mithalten kann und strauchelt, erbarmungslos von der Mutter mitgezogen. Man möchte sie schütteln, an den Schultern packen und schütteln, bis ihre trüben Augen wieder klar werden. Um Nesrin wird es immer dunkler. Und irgendwann ganz still.

Es ist ein Film übers Frau-Sein: Mutter, Geliebte, Freundin, Putzfrau. Und wie die Gesellschaft diese Rollen anordnet. Wie schwierig es sein kann, sie zu leben und zu lieben. Und die Frage, wo in all diesen Rollen das Ich steckt. Regisseurin Ahu Öztürk findet neue Bilder dafür. Neue Bilder für Intimität, für Brutalität, für Verzweiflung. Das hat man vielleicht schon mal gesehen, aber nicht auf der Leinwand – im Spiegel.

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