Tore tanzt

Tore (Julius Feldmeier) ist ein verlorener Junge. Er hat keine Familie, keine Perspektiven und er ist auf der Suche nach dem Sinn seines Daseins. Hoffnung findet er nur im Glauben an Gott. Als er auf eine Familie trifft, deren Auto stehen geblieben ist, fordert er Gott heraus. Er betet zu ihm, dass er das Auto doch bitte zum Laufen bringen möge. Als es tatsächlich anspringt, scheint Tore seine Bestimmung  gefunden zu haben. Endlich scheint alles perfekt zu sein: Sein Glaube ist gestärkt, die Familie nimmt ihn bei sich auf und in der Tochter (Swantje Kohlhof) findet er seine große Liebe. Doch das Leben dort entpuppt sich als die härteste Glaubensprüfung, denn die beiden Eltern Benno und Astrid (Sascha Alexander Gersak und Annika Kuhl) sind nicht so gutmütig wie es zunächst noch den Anschein machte. Die Gewalt gegen ihn nimmt zu und Tore ist ein leichtes Opfer, denn er lebt nach dem biblischen Motto: „Wenn dir jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halt auch die andere hin.” Capture-d¹écran-2013-04-29-à-20.22.19

Tore tanzt ist das Spielfilmdebüt von Regisseurin Katrin Gebbe, in dem sie zeigt, dass sie keine Scheu vor drastischer Gewaltdarstellung hat. Die Folterungen sind nur schwer zu ertragen, gerade weil Tore sich einfach nicht wehrt und alles nur über sich ergehen lässt. Und das alles nur für Gott? Für gewöhnlich ärgert man sich als Atheist darüber, wenn der Glaube den Menschen erst gewalttätig macht und zum Beispiel in Namen der Kirche Verbrechen begangen werden. Hier hasst man den Glauben dafür, dass er die Hauptfigur so gutmütig macht, dass er keinen Zorn verspürt, keine Rachegelüste hegt und nicht selbst mit Gewalt zurückschlägt. Die Eltern sind der Teufel in Person. Sie sind sadistische Unterdrücker, die Tore schamlos ausnutzen und systematisch zerstören. Doch bekommt Tore von Gott kein himmlisches Schwert, um gegen den Teufel anzukämpfen. Kein Engel kommt vom Himmel zur Hilfe. Nicht wie im Alten Testament straft Gott die Bösen. Tore ist stattdessen der neue Jesus, der alle Qualen auf sich nimmt, um die Menschheit zu retten oder in diesem Fall die misshandelte Tochter der Familie. Die Liebe (natürlich die göttliche und reine Liebe, ohne den sündigen vorehelichen Sex) bringt Tore dazu die Familie trotz der Schikanen nicht zu verlassen. tore-tanzt-10

Die Regisseurin quält den Zuschauer. Nicht nur wegen den unappetitlichen Folterszenen, auch weil Tore dem Ganzen jederzeit ein Ende setzten könnte. Tore ist niemals ein Gefangener. Nicht wie im Horrorfilm, wo das Opfer dem Peiniger nicht entkommen kann. Er müsste nicht einmal selbst etwas tun, er müsste nur zur Polizei gehen und die Familie anzeigen. Warum er der Tochter nicht aktiv hilft, sondern ihr nur zeigt wie er alle Schmerzen erträgt um bei ihr zu sein, ist nur schwer nachzuvollziehen. Auch wird nicht geklärt warum die Eltern so böse sind. Es gibt keine Antworten und keine Kompromisse. Die Welt wird aufgeteilt in Gut und Böse, in Opfer und Täter. Der Film ist die moderne Version von der Passion Christi und daher kann die Geschichte nur böse enden, denn auch Jesus starb letztendlich am Kreuz. Tore ist der Jesusfreak und von Anfang an verloren. Der Zuschauer darf schockierter Zeuge seines (gottgewollten?) Untergangs sein.

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Tore tanzt
Deutschland 2013
Kinostart 28. November 2013
Regie und Drehbuch: Katrin Gebbe
Produzentin: Verena Gräfe-Höft
Verleiher: Rapid Eye Movies
Komponist Peter Schütz
Kamera: Moritz Schultheiß
Besetzung Julius Feldmeier, Sascha Alexander Gersak, Swantje Kohlhof, Anika Kuhl
Genre: Drama

2 Responses to “Tore tanzt”

  1. Snady82

    Netter Text. Aber geht es in dem Film nicht um viel mehr als die Passion Christi und gut oder Böse?
    Ich konnte den Film letzte Woche mit anschließenden Gespräch der Regisseurin sehen und da war zumindest ganz klar rauszuhören, dass es um sehr viel mehr geht.
    Der Film beruht ja auch auf einer wahren, realen Geschichte (aus Großbritannien), die sogar noch sehr viel schlimmer war als dieser Film es zeigt und auch die christlichen Hintergrunde sind nicht frei erfunden. Moderne Sklaverei ist ein Thema dem sich die Gesellschaft verschließt und welches der Film z.B. auch zu behandeln versucht. Seht hin! Seid schockiert! Und ja geht auch raus, wenn eure Schmerzgrenze erreicht ist. Was ist mit Ethik, Moral, etc.
    Der Film ist auf so vielen Ebenen interessant, dass ich ein bisschen enttäuscht bin, dass die hier nicht erwähnt werden.
    Nach dem Film war ich zunächst extrem erschüttert und konnte kaum ertragen was ich da gerade zu sehen bekommen habe aber wenn die Schmerzen, die das Rezipieren versucht hat, zu heilen beginnen, erkennt man wie treffend diese Art und Weise der Darstellung doch war! Ich persönlich muss sagen, der Film hat mich sehr zum Nachdenken (und Nachforschen) gebracht. Ganz nebenbei noch grandios besetzt und fabelhaft gespielt vor allem von Julius Feldmeier, der mit diesem Film ebenfalls ein Debüt feiert! Ein absolut sehenswerter Film!

    Reply
    • Miriam

      Hallo Snady82,
      ersteinmal: Schön das du einen Kommentar verfasst hast! Ich freue mich sehr über Feedback.
      Ich finde den Film auch sehenswert. Es stimmt auch das der Film auf mehreren Ebenen interssant ist. Ich habe mir nur einen Schwerpunkt ausgesucht, auf den ich mich bezogen habe. Es ist immer spannend was die Regisseurin zu ihrem eigenen Film sagt, aber ich wollte schreiben wie ich den Film interpretiere und habe die Frage nach Gut und Böse (gerade in Verbindung mit dem strikten und naiven Glauben von Tore) als wichtigsten Aspekt des Films angesehen. Unsere Kritiken haben auch eine begrenzte Länge vorgeschrieben, man könnte zu dem Film sicherlich noch viel mehr schreiben. Moderne Sklaverei wäre auch ein guter Schwerpunkt gewesen. Gerade auch wenn sich nach so einem Fall herausstellt, dass jemand jahrelang einen Menschen zuhause als Sklave gehalten hat und dieser eigentlich die Möglichkeit zur Flucht gehabt hätte, es aber dennoch nie versuchte. Parallelen zu aktuellen Fällen lassen sich da finden.
      Beste Grüße
      Miriam

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