The Wolfpack (DOK Leipzig)

Von Tim Halbig

Eine Wohnung in der Lower East Side in New York, sieben Geschwister die von der Außenwelt abgeschlossen sind und ca. 5.000 Spielfilme auf DVD – dies sind die Zutaten der amerikanischen Dokumentation von Crystal Moselle, die auf dem DOK Filmfestival in Leipzig im Rahmen des Internationalen Wettbewerbs gezeigt wurde. Inhalt der Dokumentation sind vordergründig die sechs Brüder der insgesamt sieben Angulo-Geschwister, die von ihrem Vater, einem früheren Krishna-Anhänger, in ihrem kleinen Appartement in New York fast völlig von äußeren Einflüssen abgeschottet aufgezogen wurden. Der Vater war der Ansicht, dass vor der Tür zu viele Gefahren auf seine Kinder lauern würden, so wuchsen sie siebzehn Jahre lang in ihrer eigenen Welt, von der Mutter unterrichtet, auf. Die einzigen Eindrücke, die sie von der Außenwelt mitbekommen haben, haben sie in Kinoblockbustern aufgeschnappt. Diese spielen sie mit detailreichen, selbstgebastelten Requisiten und Kostümen in ihrer ansonsten eher kargen Wohnung immer wieder nach. Mit der Zeit gelingt einem der Brüder jedoch der Weg in die wirkliche, ihm größtenteils unbekannte Welt. Nach und nach folgen ihm auch die restlichen Brüder. Auch die Mutter, die ebenfalls unter der Ideologie ihres alkoholkranken Mannes (dieser meldet sich in der Dokumentation nur kurz zu Wort) gelitten hat, befreit sich immer weiter von ihm. So sieht man, wie das „Wolfsrudel“ auf der einen Seite in ihrer alten gewohnten Welt, als auch in der neuen Welt leben. Die Familie redet offen und ohne Scham über die vergangen Jahre und bieten so einen relativ ungetrübten Blick hinter die Kulissen ihrer 4 Wände.

Der Film ist faszinierend und verstörend zugleich. Die Bilder werden ohne wirkliche Wertung gezeigt und regen gerade deswegen zum Nachdenken an. Die Brüder wirken insgesamt nicht verstört oder physisch bzw. psychisch Beeinträchtigt. Einer der Brüder macht sich sein Wissen über Filme sogar zu nutze, indem er bei Produktionen mitarbeitet und sogar am Ende einen eigenen Film dreht. Jedoch beleibt im Nachhinein das ungute Gefühl ob eine solche Kindheit und Jugend ohne weitere Folgeschäden bleibt, wenn man von der bereits im Film gezeigten offensichtlichen Unsicherheit im Umgang mit der Umwelt absieht. Crystal Moselle hat die Brüder an einem Tag nach ihrer „Befreiung“ aufgrund des besonderen Aussehens (lange Haare, Klamotten im Michael Jackson Stil, Sonnenbrillen) angesprochen und sich so im Laufe der Zeit, als eine Freundin immer weiter in die Familie eingelebt. Dies erklärt vermutlich auch die Offenheit ihr und der Kamera gegenüber.

Sektion: Internationaler Wettbewerb
USA 2015, 89’
R: Crystal Moselle
TV-Premiere: 8. Februar 2016

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