“The real world is messy, troubling and, in the deepest sense, beautiful”

welcome_to_pine_hill_xlgKeith Millers erster Langfilm Welcome to Pine Hill beginnt mit einer Szene, die sich tatsächlich – quasi abseits des Films – wie folgt zugetragen haben soll. Beim Ausführen (s)eines Hundes, der ihm vor einiger Zeit zugelaufen ist, wird Miller von Shanon Harper angesprochen der behauptet, das Tier gehöre ihm. Trotz anfänglichem Streit einigen sich die beiden grundverschiedenen Männer friedlich. Fasziniert von diesem Clash der Millieus sucht der Regisseur Shanon (im Film Shannon) erneut auf und schlägt ihm vor, das kürzliche Zusammentreffen nachzustellen und als Ausgangspunkt für einen Film zu verwenden. Frucht dieser Zusammenarbeit ist ein starker Film über einen sterbenden Menschen der versucht, Frieden mit sich selbst, seinen Mitmenschen und seiner Vergangenheit zu schließen.

005Shannon arbeitet als Versicherungsangestellter und Türsteher, mit seinem früheren Leben als Drogendealer hat er abgeschlossen. Als ihm ein Arzt Magenkrebs diagnostiziert mit einer prognostizierten Lebenserwartung von sechs Monaten – eine Chemotherapie kann er sich nicht leisten -, blickt er auf sein Leben zurück und sucht nach Versöhnung. Denn einfach so gehen, das will er nicht. Er besucht nach langer Zeit seine Mutter, zahlt ihr geliehenes Geld zurück, worauf sie jedoch glaubt, er würde wieder mit Drogen handeln. Auch als er alte Freunde aus der Szene aufsucht merkt er, wie sehr sein altes Leben noch immer an ihm haftet. Befreiender sind da Gespräche mit Fremden und letztendlich die Einsamkeit, die er immer mehr ersucht und schlussendlich in den dichten Wäldern der Catskill Mountains zu finden scheint.

003Millers Film entwickelt sich als dichotomisches Geflecht aus Gegensätzen. Shannon läuft einerseits realiter, andererseits transzendentierend durch Großstadtdickicht und entlegene Natur, sein altes Leben in der Anormalität kollidiert mit seinem neuen, scheinbar normalen Dasein als arbeitender Mensch, der abends routiniert seine Wohnung betritt – seine zweite Heimat nach der Straße, die auch früher schon seine erste war. Auf einen synthetischen Soundteppich folgt Stille, auf eine diffuse Autofahrt konkret inszenierte Nüchternheit, auf Freude Trauer, auf Gemeinsamkeit Einsamkeit, auf Essen Übergeben, auf Leben – früher oder später – unweigerlich der Tod. Diese Spannungsverhältnisse zeichnet Miller mit einer leicht nervösen Handkamera nach, die neugierig Händen und Gesichtern folgt oder auch mal ruht und wie eine dritte Person über Schultern blickt oder in den Raum schweift, sich gar in ihm verliert. Natürlich und künstlich zugleich wirkt dadurch der Film, ein mikroskopisch kleines Fragment Welt, in der sich die Schönheit des Lebens unter einer rauen Oberfläche und damit jenseits des Formulierbaren verbirgt und alleine durch flüchtige Momente ans Licht tritt.

007Der Sinn des Lebens sind Beziehungen, glaubt Thomas Worm. Von Beziehungen lebt also das Leben, von selbigen auch der Film per se. Die Beziehung zwischen Mensch und Mensch, Stadt und Natur, Kultur und Kultur, zwischen hinter der Kamera und davor sowie zufälligem und geplantem schreiben Geschichten wie diese, die nachdenklich stimmen – und das nicht nur den Dialektiker. Denn Leben und sterben müssen wir irgendwie alle.

Welcome to Pine Hill, USA 2012, 81′
Regie & Drehbuch: Keith Miller
Kamera: Jeffrey Sterrenberg
Darsteller: Shanon Harper, Junior Adolph, Ernest Bastien, Lillie Jayne
Verleih: Temperdayfilm
Kinostart: 22.08.2013

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>