The Paradise Suite

In Joost van Ginkels zweiter Film The Paradise Suite geht es um das Innen und Außen. Die Doppellebigkeit zweier Welten, gefasst in einem Menschenschicksal. Der Film handelt von einigen Immigranten in Amsterdam, die untereinander sehr heterogene Schicksale erfahren. Viele von ihnen sind arm und mittellos, zwei Familien sind aber dem Wohlstand nahe oder diesem vielleicht sogar ein wenig überdrüssig. Trotz dessen fallen all diese Lebenswelten mal mehr, mal weniger zufällig ineinander und bilden ein Mosaik aus Einzelschicksalen.

Was sich in der Idee noch wohlwollend beschreiben lässt, zerfällt aber leider schnell in den einzelnen Geschichten, die in ihrer Qualität unterschiedlich spannungs- und handlungstragend sind. So ist es ein schlechtes Zeichen, wenn sich ganze Handlungsstränge in einem Satz zusammenfassen lassen: Der Sohn eines reichen, musikalischen Elternhauses wird vom Vater streng zum Pianisten erzogen und in der Schule als Bettnässer gehänselt, so dass er von zu Hause wegläuft. So klischeehaft es klingen mag, ist es in der Praxis auch. Der missverstandene Sohn und der wohlwollende, aber am Ziel vorbeischießende Vater kollidieren und finden am Ende wieder zu einander. Die Erfahrungswelten des Vaters und Sohns und das Elternhaus und die Schule stellen dabei das angesprochene Innen und Außen dar.

kritik1

Ein anderer Strang erzählt von einer jungen Frau, die sich von ihrer Mutter verabschiedet, um in die große Stadt zu gehen. Ein Fotoshooting erwartet sie angeblich. In Wirklichkeit wird sie zusammen mit zwei anderen Bewerberinnen brutal vergewaltigt und anschließend zur Prostitution gezwungen. So begibt sich auch sie in die unbekannte Außenwelt und wird in sie verschlungen, um dort Opfer männlicher Interessen zu werden. Aber auch dieser Abschnitt wird zur Projektionsfläche von altbekannten Geschlechterdichotomien; die animalischen, brutalen und apathischen Männer stehen der hilflosen, unschuldigen und in die Opferrolle gedrängten Frau gegenüber, die schlussendlich natürlich von einem Mann aus dem Milieu gerettet werden muss. Da hätte man sich vor Respekt der darauf basierenden wahren Begebenheiten und echten Leidens- und Tätergeschichten vor allem in der heutigen Debatte mehr Graustufen und Fingerspitzengefühl gewünscht.

kritik2

Van Ginkels schafft es nicht die kurzen Geschichten in ihrer Spannung homogen zu erzählen. Die Tiefe, die die Erlebnisse verdient hätten, bleibt auf Grund der Kürze und der simplen Schwarz-Weiß Moral ihrer Erzählungen auf der Strecke und bietet dem Zuschauer nicht viel Material zum Nachdenken und zur Unterhaltung. Schade, wenn man bedenkt, dass soziale Themen der Familienkonstellationen, Geschlechterverhältnissen und jugendlichen Zukunftsgedanken nie an Aktualität verlieren und immer im Rahmen ihrer Zeit Stoff zur tiefgründigen Reflexion und Portraitierung geben würden.

Weitere Vorführung auf dem Braunschweiger Filfest 2016:
10.11.2016, 16:45 C1

11.11.2016, 22:45 C1

Kinostart: Noch keinen

Niederlande 2015
Regie: Joost van Ginkel
Kamera: Andréas Lennartsson
Buch: Joost van Ginkel
Darsteller: Anjela Nedyalkova, Boris Isakovic, Erik Adelöw

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