The Other Side (DOK Leipzig)

Von Oliver Schmidt

Erstmals auf dem DOK Leipzig 2015 gesehen, überraschte mich der Dokumentarfilm sichtlich gut. Er dokumentiert das Leben zweier polarisierender Subgruppen in den mittleren Südstaaten Amerikas. Ein unpolitischer Crystal Meth Junkie, sowie eine politisch gesehen rechts einzuordnende, militante Bürgerwehr aus der Nachbarschaft. Zu unterteilen ist er inhaltlich meiner Meinung nach in zwei klar aufeinanderfolgende Blöcke. Anfangs begleitet der Regisseur im observation mode den „Protagonisten“ in seinem alltäglichen Leben; Crystal Meth kochen, ausgelassenes (Be)trinken in den örtlichen Kneipen, Geschlechtsverkehr mit Barbekanntschaften sowie einige Geschäftsabwicklungen in Form vom Handel mit Drogen. Er wird während des Films weder interviewt, noch beachtet er die Kamera, die ihn begleitet. Keinerlei Einfluss aus dem off ist zu bemerken. Die gesamte Bildqualität wie auch Kameraführung ähnelt eher einem hochklassifizierten Hollywoodstreifen als einem Dokumentarfilm, weil zum Beispiel keine Überraschungsmomente den Kameramann überfordern und die eigentliche Rolle der diegetischen Kamera kaum zu bemerken ist. Drastisch stießen mir auch direkte Nahaufnahmen des Nadelinjizierens ins Auge, welches mich durch den schon fast vergessenen Hintergedanken des Realen, was ich mir ja gerade anschaue, ein wenig angewidert stimmte.

Etwa zur Hälfte der Spielzeit switcht der Dokumentarstil. Es werden schlagartig neue Protagonisten in Szene gesetzt und in gewisser Weise richten diese ihre Ansprachen direkt in die Kamera, beziehungsweise den Personen dahinter. Es handelt sich um eine militante Redneckgruppierung, welche bei ihren Übungen und sozialen Zusammenkünften begleitet wird. Mich erinnerte dieser Teil des Films sehr an den Dokumentarfilm Bowling for Columbine von Michael Moore, in welchem ebenfalls waffenafine Bewohner Amerikas zu Wort kommen, welche ihr Handeln versuchen zu erklären. Die Personen in beiden Filmen versuchen mit einfachen Worten ihre politischen Meinungen und Weltanschauungen zu erläutern und ihre Gruppierung zu propagieren. Diese Art Bürgerwehr präsentiert offenherzig ihr Waffenarsenal und „Können“.

Mich persönlich beeindruckte dieser Film sehr, da ich noch nie einen so technisch perfekt umgesetzten Dokumentarfilm gesehen habe, der so nah am Geschehen ist. Meiner Meinung nach hätte Minervini in einigen Szenen nicht direkt „Draufhalten“ müssen, aber genau durch diese tatsächlichen Begebenheiten reizt er die Zuschauer und regt zum Nachdenken an. The Other Side aus dem Jahre 2015, erstaufgeführt auf dem Cannes Film Festival, gehört auf jeden Fall zu einem Must See für alle Breaking Bad Sympathisanten und Interessenten guter Dokumentationen.

Sektion: Internationaler Wettbewerb
Frankreich/Italien 2015, 92’
R: Roberto Minervini

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