The Master

The_Master_Paul_Thomas_Anderson-70Paul Thomas Andersons neuer Film The Master (USA 2012) sticht mitten in die amerikanische Nachkriegsseele der 1950er Jahre, eine Zeit geprägt von Resozialisierungsversuchen und gebrochenen Persönlichkeiten. Freddie Quell, ein vom Zweiten Weltkrieg gezeichneter Navy-Veteran mit Hang zu Alkohol-Experimenten, stößt auf den charismatischen Lancaster Dodd, den Kopf einer aufstrebenden Sekte namens „The Cause“. Der Master nimmt Freddie unter seine Fittiche und es beginnt eine merkwürdige Beziehung zwischen Machtspielen, Zuneigung und Abhängigkeit. Große schauspielerische Leistungen und grandiose Bilder prägen Andersons Nachkriegs-Sekten-Ego-Geschichte. Es stellt sich allerdings die Frage, was der Film überhaupt will.

The_Master_Paul_Thomas_Anderson47Das Wasser in der ersten Einstellung ist so aufgewühlt wie Protagonist Freddie Quell, gespielt von Joaquin Phoenix. Seine Figur dominiert die erste Stunde des Films, mit besonderem Fokus auf dem zerfurchten, ausgemergelten Gesicht. Die Wörter kämpfen sich durch einen einseitig geschlossenen Mund heraus, das Gesicht wird eher zur Grimasse. Es ist diese Art des Schauspiels, den gesamten Körper in der Figur zu verlieren, in der die Faszination des Films liegt. Phoenix’ Spiel besteht aus einer wahnsinnigen Körperlichkeit, die zugleich beeindruckend, beklemmend und komisch ist. In seiner permanent gekrümmten Haltung mit seitlich eingestützten Armen drückt sich die Außenseiterrolle aus, die durch das Tragen zu kleiner, unpassender Anzüge verstärkt wird, die eher wie Zwangsjacken wirken. Es ist Phoenix’ erste Rolle seit dem Mockumentary-Projekt I’m Still Here (Casey Affleck, USA 2010) und wer am Überleben seiner Karriere zweifelte, bekommt hier mit einer Darbietung, die einem Schlag ins Gesicht gleicht, die eindeutige Antwort. He’s still here. Better than ever.

Der Film konzentriert sich aber leider nur in der ersten Hälfte auf Freddie und verliert sich danach immer mehr, wirkt zerrissen und unfokussiert. Zu viele verschiedene Aspekte werden bloß angekratzt, das Resultat ist nicht mehr so konzentriert wie der Anfang. Die Intensität der ersten Hälfte muss einem oberflächlichen Überblickscharakter weichen. Dabei wird die Figur des Lancaster Dodd The Masterimmer präsenter, ist aber zu einseitig gezeichnet, um den Film tragen zu können. Philip Seymour Hoffman spielt das Sektenoberhaupt minimiert und mit einer Zurückhaltung, die permanent an der Grenze zum Ausbruch zu stehen scheint. Dennoch wirkt die Figur nicht ausgefeilt, sondern etwas zu einfach gedacht für einen Mann, der alle anderen in seinen Bann zieht. Im Grunde könnte man den Film auf zwei Schlüsselszenen herunter brechen, die in ihrer Dichte großartig sind und sich dadurch vom Rest abheben. Die erste Therapiesitzung zwischen Freddie und Dodd, welche die fragwürdigen Methoden der Sekte zum ersten Mal fokussiert, ist so beklemmend und spitzt sich immer weiter zu. Ohne jegliche musikalische Untermalung sieht man fast ausschließlich das Gesicht von Joaquin Phoenix in Großaufnahme und beginnt sich darin zu verlieren. Jede Furche ist sichtbar, jede noch so kleine Zerrissenheit spürbar. Gepaart mit der unangenehmen Ruhe und Überheblichkeit seines Gegenübers ist dieser Moment der stärkste des Films. Einzig eine Szene in der zweiten Hälfte, die ausgiebig eine Art Aufnahmeprozess für Freddie darstellt, wobei er unter Beobachtung der gesamten Anhängerschaft über einen langen Zeitraum zwischen Wand und Fenster hin- und herlaufen muss, nähert sich in ihrem Unbehagen der Therapieszene an.

Was The Master scheitern lässt, ist die narrative Unbestimmtheit (eine reine Sektengeschichte will er nicht sein, eine Gesellschaftsstudie kann er nicht sein), wodurch der Film seine Dichte verliert. Ab einem gewissen Punkt wirkt er leider nur wie eine Aneinanderreihung großer Bildern und schwerer Worte, bei denen man das Gefühl hat, zu vieles bleibt unbeachtet und zu viele Fragen werden nicht gestellt. Welchen Effekt die Sekte auf Freddie hatte, wird nicht thematisiert und generell scheint es kaum eine Entwicklung der Figur zu geben. Er ist nicht zu Ende gedacht, nicht ausgeschrieben und bekommt nicht den anfangs erhofften Tiefgang. Phoenix versucht das mit seinem extremen Spiel auszugleichen, allerdings kann auch der beste Schauspieler nicht dauerhaft über zu viele Schwachstellen im Drehbuch hinweg täuschen.

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The Master, USA 2012, 144′
Regie und Buch: Paul Thomas Anderson
Kamera: Mihai Malaimare Jr.
Besetzung: Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams
Verleih: Senator/Central
Kinostart: 21.02.2013

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