The Land of the Enlightened

Der Film „The Land of the Enlightened”,  handelt vom Alltag einer afghanischen Kinderbande. Das Leben dort ist geprägt von den Folgen des Krieges, den die Amerikaner gegen die Taliban geführt haben. Der Abzug der Truppen aus dem Land steht kurz bevor. Was die Zukunft bringen wird, weiß niemand. Um zu überleben, versuchen die Kinder alles zu Geld zu machen, was die Soldaten zurückgelassen haben. Unter Anderem graben sie alte Minen aus, um diese dann wieder zu verkaufen.

330911-jpg-r_640_600-b_1_d6d6d6-f_jpg-q_x-xxyxx

Sie führen ein hartes Leben, geprägt von Hunger und Gefahr, was der Film durch die Verwendung symbolträchtiger Bilder, sowie durch den Einsatz von Musik und Schnittbildern sehr eindrucksvoll zu zeigen vermag. Die winterliche Kälte, ist auch für die Zuschauer*innen spürbar. Der Wind pfeift unablässig im Hintergrund und opulent gefilmte Panoramaaufnahmen, können die Lebensbedingungen der Kinder intensiv wiedergeben.  Der Film ist eine Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm. Was nun Fiktion ist und was ganz realer Alltag, bleibt ungeklärt. Das macht den Film zwar auf der filmischen Ebene spannend, da durch Spielereien mit Farbe, mit Zeitluppen, Überblendungseffekten etc., eine erschütternde und teils surreale Stimmung aufgebaut wird, jedoch weiß man auch nicht, wie man die gezeigten Szenen bewerten soll. Gerade bei härteren Stellen, wie Bombeneinschläge auf menschliche Ziele, Tiere die gequält oder getötet werden oder wenn die Kinder durch ihre Arbeit ihr Leben in Gefahr bringen. Ein unangenehmes Gefühl breitet sich beim Anschauen aus, denn der Tod im fiktionalen Film, hat eine ganz andere Bedeutung, als wenn wir Beispielweise Menschen in einer Dokumentation sterben sehen.  Daher weiß man auch gar nicht, wie man fühlen soll in dem Moment.  Sterben sieht man direkt keinen Menschen, alles passiert im Hintergrund oder im Subtext. Der Film zelebriert die Gewalt nicht. Sie passiert so nebensächlich, dass es besonders erschreckend wirkt. Denn der Film will ja offensichtlich zeigen, dass es sich dabei um den Alltag der Kinder handelt. Die Botschaft des Films:  Es ist „Normalität“ geworden, das „Kind sein“ dort nun etwas maßgeblich  anderes bedeutet als bei uns im Westen. Die Kinder aus dem Film leben tatsächlich dort und sind keine Schauspieler.

332005-jpg-r_640_600-b_1_d6d6d6-f_jpg-q_x-xxyxx

Wäre der Film eine reine Dokumentation, seine Wirkung wäre unglaublich stark. Doch weil es genauso gut alles nur Fiktion sein könnte, fühlt man sich als Zuschauer*in etwas hintergangen. Entweder ist das von Regisseur Pieter-Jan De Pue sehr geschickt geplant, einen so im ungewissen zurück zu lassen, weil man wieder stärker über die Darstellung von Realität  nachdenken muss. Oder es ist fragwürdig, weil der Film so tut, als wolle er nicht werten und keine Moral vermitteln wollen, gleichzeitig wird aber durch die Inszenierung der Szenen, die Wirkung auf den Zuschauer beeinflusst. Beispielsweise, wenn ein Schaf geschächtet wird und das Blut gegen die Kameralinse spritzt.  Oder auch, wenn mit der Kamera ein Raubvogel  auf Beutefang  gezeigt wird, während Amerikanische Soldaten feindliche Truppen bombardieren. Die Angriffe und Kämpfe wirken sehr real. Jede Einstellung wurde bei genauerer Betrachtung aber genauestens durchgeplant. Aber weil der Film sich dokumentarisch ankündigt,  wirkt es so, als sei die Intension des Filmemachers, das Dargestellte dem Rezipienten als  „authentisch“, als eine Art  „Wahrheit“ verkaufen zu wollen. Dabei gibt es kritische Stellen im Film, für die ein paar Hintergrundinformationen sinnvoll gewesen wären. Die Rolle der Mädchen zum Beispiel, die vom Filmemacher keine eigene Stimme bekommen haben, obwohl sie Teil der Gemeinschaft dort sind. Das ganze „neutral“ darstellen zu wollen, widerspricht der Art und Weise, wie die Szenen künstlich aufgebaut wurden. Was also will der Filmemacher uns mit seinem Film eigentlich sagen? Ein Making-of zu dem Film, wäre sicherlich sehr interessant.

330442-jpg-r_640_600-b_1_d6d6d6-f_jpg-q_x-xxyxx

Weitere Vorführung auf dem Braunschweiger Filfest 2016:

13.11.2016 11:15 Uhr (C1 Saal 2)

Belgien 2016
Regie: Pieter-Jan De Pue
Kamera: Pieter-Jan De Pue
Buch: Pieter-Jan De Pue, David Dusa
Schnitt: Stijn Deconinck, David Dusa
Darsteller: Gholam Nasir, Khyrgyz Baj, Noor, Marina Golbahari
Produktion: Savage Film, Fastnet Films, Gebrueder Beetz Filmproduktion
Musik: Pink Floyd, Johann Sebastian Bach, White Knight
Ton: Rob Flanagan
Verleih: Films Boutique

One Response to “The Land of the Enlightened”

  1. Mike Rumpf

    Dass der Film fiktive Anteile enthält (wie übrigens die Filme von Ulrich Seidl auch), hatte nach Angaben des Regisseurs unterschiedliche Gründe: Zum einen wollte er Nichts filmen, was die Kinder gefährden könnte (die Arbeit mit den Minen z.B.). Zum anderen gab es wohl private Gespräche mit den Kindern über Träume/Wünsche, die er in den Film integrieren wollte. Daraus ist dann der Off-Erzähler geworden. Wie jeder andere Dokumentation auch, ist natürlich auch diese inszeniert und letztlich eine Vision des Filmemachers. Über die Darstellung von Realität muss man auch im Dokumentarfilm immer nachdenken. Ich finde dieser oben genannte Kritikpunkt greift daher etwas in die Leere.

    Reply

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>