The Killing of a Sacred Deer

Wie lebt ein Mensch nach der Bewusstwerdung dessen, dass sein Leben von Grund auf elementaren Strukturen und Formeln unterstellt ist? Und wie macht man in dieser Welt Film? Yorgos Lanthimos stellt sich diese Fragen und lässt seine Protagonist*innen in The Killing of a Sacred Deer solch eine Welt durchleben.

Alles funktioniert routiniert durch Handlungs- und Bewegungsabläufe, Floskeln, mit denen man sich inhaltsleer begegnet. Die Worte zu einer Begrüßung sind bekannt, der Händedruck obligatorisch. Wir wissen, wie wir Geschenke machen und wie wir welche annehmen und was wir jeweils zu sagen haben. Aktion, Reaktion, alles ist hier scharf voneinander getrennt und in einem gestückeltem Ablauf auszuführen. Die Akteur*innen zeigen uns monoton und überspitzt höflich, scharfsinnig die Etiquette ihrer und auch unserer Kulturwelt. Steven Murphys (Colin Farrell) Stellung als Chirurg ist die perfekte Metapher für die Präzision und Sterilität sozialer Normen, Beschränkungen, seelenlosen notwendigen Prozeduren. Sie modifizieren, regulieren, formen den Körper und was damit möglich ist. Auch die monoton vorgetragenen, unmenschlich klingenden Dialoge zeugen von einer Unsicherheit wie Menschlichkeit in einem codifizierten Leben zu zeigen ist, wie Intimität initiiert werden kann. Und vielleicht kann man auch nicht mehr über die Absurdität hinwegsehen, dass vorgetragener Dialog das Produkt von auf Papier niedergeschriebenem Text ist, der im Versuch spontan und gesprochen zu klingen diesem Ziel auch oftmals verfehlt.

Als dann aber sein Sohn plötzlich seine Beine nicht mehr bewegen kann und an ein Krankenhausbett gefesselt ist, zerbricht diese kontrollierte, vorhersehbare Welt. Die Tatsache, dass die Ursache seiner Lähmung nicht gefunden werden kann, ist fast schlimmer als das schreckliche Symptom an sich. Sein Leiden ist nicht durch Tests visualisierbar, nicht mit Zahlen zu quantifizieren und das ist es, was die Menschen hilflos macht. Als würde das nicht schon die Sicherheit durch Erkenntnis und Erfahrung zerbröckeln lassen, verliert auch seine Tochter das Gefühl in ihren Beinen und es offenbart sich ein Jugendlicher als rätselbare Kraft, der all diese Symptome auslöst. Martin (Barry Keoghan) ist der Sohn eines durch den Fehler von Steven verstorbenen Patienten und stellt ihm ein Ultimatum ein Familienmitglied umzubringen bevor Martin auch noch seine Frau lähmt und seine Familie schleichend zu Grunde richtet. Die Gefahr findet sich im Unbekannten, im Mysteriösen, das wir nicht kontrollieren können. In der Beobachtung des schleichenden Sterbeprozesses seiner Kinder fügt sich Steven schließlich seinem Schicksal, nachdem er die Rettung aus Martin heraus zu prügeln versuchte. Mit gefesselter Familie um sich herum findet er sich schließlich mit verdeckten Auge im Kreise drehend wieder und gibt wahllos Schüsse ab bis der unvermeidliche Mord zur Rettung der anderen geschehen ist.

Yorgos Lanthimos’ gnadenlose, grausame Inszenierung von hoffnungslosen Sterbeprozessen, sozialer und körperlicher Hilflosigkeit in einer Gesellschaft durchgetakteter Codes, normalerweise abgekapselt von solch Schicksalen ist eine schwer durchzustehende Erfahrung und deshalb auch so eindrücklich.

31. Filmfest Braunschweig, Sektion: Prime Time

The Killing of a Sacred Deer, England 2017, 121 Min.
Regie: Yorgos Lanthimos
Buch: Yorgos Lanthimos, Efthymis Filippou
Darsteller: Nicole Kidman, Colin Farrell, Alicia Silverstone, Barry Keoghan
Kinostart: 11.01.2018

Vorführungen:

21.10.2017, 19:15 Uhr, C1 Cinema Braunschweig

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>