The Handmaiden

Chan-Wook Park ist zurück: Sein neuster Streich The Handmaiden nimmt uns mit in eine Geschichte voller Verstrickungen und Fassaden. Voller Sexualität und Gewalt. Im Schauplatz eines traditionell asiatischen Hauses fängt Sook-Hee (Kim Tae-Ri) als Magd für die Lady Hideko (Min-Hee Kim) ihren Dienst an, planend Hideko hinterlistig an den Count Fujiwara (Jung-Woo Ha) auszuliefern. Was beginnt ist eine Überlappung von verschiedenster Motiven, Verschwörungen und vom sozialen öffentlichen und privaten Handeln. Leben für die Protagonisten ist gekleidet in gesellschaftlichen Etiquetten, Normen und Machtverhältnissen. Sex ist Sache der Ehe, so sagt man. Kleide dich edel, verhalte dich edler. Trotzdem schafft es die Sexualität immer dominanter durch den Nebel der sozialen Konstruktionen hervorzustechen und übernimmt irgendwann unaufhörlich den Großteil der Handlungsfläche.

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Beispielsweise offenbart sich, dass Lady Hideko für eine Runde von Adelsmännern Erotikliteratur von de Sade und ähnlichen Autoren vortragen und mit ihren Gesichtszügen und ihrer Aussprache fast vorspielen muss. Es schauen also eine Gruppe von Männern einer Schauspielerei vorgetragen von einer Frau zu, um ihre erotischen Lüste auszuleben, die abseits der öffentlichen Repression von Sexualität selbstverständlich immer noch bestehen; der Regisseur hält uns einen Spiegel vor. Wir als Rezipienten ergötzen uns dem Bilde der nackten Frau und ihrer Sexualität, die in diesem Film ihre Ausführlichkeit erfahren, wir stillen unsere Lust im Nichtraum des Films, im regulären Leben ist dafür nur, ähnlich wie bei den Edelmännern, streng reguliert Platz. Wir sehen die Bilder, hören die vorgetragenen Sätze, und stellen uns die geistlich emotionale Ebene, die Gefühle, die Berührungen vor. Diese Vorstellung von, die Lust nach Sex gipfelt in der Heterotopie der Hochzeitsnacht, die durch Durchdringung der Fassaden (später erfahren wir, dass die besagte Nacht gar nicht so bedeutungsaufgeladen und traditionell verlaufen ist, wie wir uns das vorerst in unserer Vorstellungskraft des Rituals der Entjungferung zum fleischlichen Finale des Ehebunds ausgemalt haben) ihre Dekonstruktion der sozialen Potenz erfährt.

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Ähnliches passiert auch mit uns Zuschauern im Kino, die stellvertretend durch die alten Herren im Lesesalon sich einem Voyeurismus hingeben, der lediglich im Eskapismus der Literatur oder eben des Kinos erfahren werden kann. Die Diskursivierung von Sexualität zeigt seine voyeuristische Ader, Chan-Wook Park lässt uns den homosexuellen Akt zweier Frauen als Götzenbild im mystisch malerischen Interieur ausgiebig bis zur redundanten Reizüberflutung durch die Überlänge der Szene in zweifelhafter Weise genießen. Angekreidet wird hier unter anderem das Vertrauen von Filmemachern allein durch das Abbild des nackten Körpers der Sexualität auf die Spuren kommen zu können. Dass man durch genügende Quantifizierung des Sexaktes, des Zeigens von Geschlechtsteilen filmisch dem realen Sex nahe kommen, verarbeitbar und zugänglich machen kann. Eher verzerrt es den Blick, lenkt es in Richtung Objektivierung und Oberflächlichkeiten, obwohl vermeintlich Aufklärungsarbeit geleistet werden soll. Chan-Wook Park liefert keine Antwort, er hinterfragt nur künstlerische Bewegungen unserer Zeit. Er stellt fest, dass Sex immer noch gesellschaftlich kategorisiert, normiert, reguliert wird. Ausweg ist aber nicht, sich in die Kunst zu flüchten, um Sex erlebbar zu machen, sondern ihn durch sie greifbarer zu machen.

Weitere Vorführung auf dem Braunschweiger Filfest 2016:
11.11.2016, 20:15 Thega Filmpalast

 

Kinostart: 5. Januar 2017

Südkorea 2016
Regie: Chan-Wook Park
Kamera: Chung-Hoon Chung
Buch: Chan-Wook Park, Seo-Kyung Chung
Darsteller: Min-Hee Kim, Kim Tae-Ri, Jung-Woo Ha
Verleih: Koch Films

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