Teheran Tabu

Die Vergabe des goldenen Bären auf der Berlinale 2015 an Jafar Panahis Film Taxi hatte symbolische Kraft. Die Preisverleihung war ein Zeichen für die Meinungsfreiheit und eine Absage gegenüber Staaten, die seine Künstler unterdrückt und in ihrer Freiheit einschränkt. Wie formuliert man seine Meinung, wenn selbst die Ausdrucksformen nicht frei sind?
Entgegen dem Regisseur Jafar Panahi, der sich über sein auferlegtes Drehverbot hinwegsetzte, wählte Regisseur und Drehbuchautor Ali Soozandeh für seinen neuen Film Teheran Tabu einen anderen Ansatz, um auf die Missstände in seinem Geburtsland aufmerksam zu machen. Um nicht an Originalschauplätzen im Iran drehen zu müssen, entschied er sich für das Verfahren der Rotoskopie, bei dem real gedrehte Szenen in einen Animationsstil übersetzt und so verfremdet werden.Inhaltlich werden die Schicksale dreier Frauen miteinander verwoben, die alle unter der patriarchalen Prägung der gegenwärtigen iranischen Gesellschaft zu leiden haben. So skizziert Soozandeh das Leben der alleinerziehenden Mutter Pari, deren Ehemann jedoch die Scheidung verweigert und ihr so den Weg zur Selbstbestimmung versperrt. Auch Sara wird von ihrem Mann in die Abhängigkeit gedrängt. Ihr größter Wunsch ist es, arbeiten zu gehen, um eigenes Geld zu verdienen und sich so einen Funken Selbstständigkeit bewahren zu können. Auf die Einwilligung ihres Mannes, die dafür nötig wäre, wartet sie jedoch vergebens. Parallel dazu erzählt der Film die Leidensgeschichte der jungen Donya, die nach einem One-night-Stand mit dem Musiker Barak, auf eine andere Weise ebenso Opfer patriarchaler Unterdrückung wird. Durch den Verlust ihrer Jungfräulichkeit ist nun ihre bevorstehende Hochzeit gefährdet, was ihre Angst vor dem gesellschaftlichen Ausschluss schürt.Anhand dieser Handlungsstränge versucht Soozandeh, die mit patriarchalen Strukturen einhergehende Doppelmoral aufzudecken, was ihm leider nur auf plakative Weise gelingt. Sinnbild dafür ist eine Szene gleich zu Beginn des Films. Ein Mann fährt mit seinem Auto durch das nächtliche Teheran, während er von der Prostituierten Pari, oral befriedigt wird. Plötzlich schreit er auf, als er seine Tochter mit einem jungen Mann auf dem Gehweg entdeckt. Lauthals beschimpft er diese als „Nutte“, die sich außerhalb der Ehe auf Männer einlässt. Als Pari ihn auf seine eigene Situation aufmerksam macht, entgegnet er nur, dass diese eine völlig andere sei.
Neben der Tabuisierung von Sexualität als Zentrum der filmischen Kritik wird in Teheran Tabu versucht, jene gesellschaftliche Doppelmoral anhand jeglicher öffentlich verbotener Themen wie Drogenkonsum oder Korruption nachzuweisen. Der anfängliche Fokus auf der Doppelmoral des Patriarchats verschiebt sich dadurch auf gesamtgesellschaftliche Missstände, die an dem Gegensatz von Öffentlichkeit und Privatheit verhandelt werden und den Film an manchen Stellen überladen und oberflächlich wirken lassen. Auch der Animationsstil, der sich anbieten würde, um durch Metaphorik die angeschnittenen Themen in ihrer Tiefe zu beleuchten (Man denke hier die Traumsequenzen in Waltz with Bashir von Ari Folman), wird in Teheran Tabu leider nicht vollends ausgeschöpft. Er bleibt ein Mittel zum Zweck, welches nicht künstlerisch genutzt wird.

Kinostart: 16.11.2017
Teheran Tabu (orig. Teheran Taboo), AT/GER 2017, 90′
Regie: Ali Soozandeh
Buch: Grit Kienzlen, Ali Soozandeh
Kamera: Martin Gschlacht
Schnitt: Frank Geiger, Andrea Mertens
Darsteller: Zahra Amir Ebrahimi, Negar Mona Alizadeh, Arash Marandi
Verleih: Camino

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