Tangerine L.A.

In Tangerine L.A. ist man auf der Suche nach dicks: Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) spürt ihren Zuhälter und Geliebten Chester auf, der sie mehrfach betrogen hat. Der armenische Taxifahrer Razmik durchsucht die Höschen seiner eingesammelten Sexarbeiter*innen nach männlichen Geschlechtsteilen. Und seine Schwiegermutter wiederum sucht Razmik, nachdem er am Weihnachtsabend angeblich arbeiten müsse.

Diese Suchbewegungen inszeniert der Regisseur Sean Baker in seinem neusten Film mit reichlich Tempo und Bass. Sin-Dees energetische Schritte über die Straßen L.A.s werden von der Kamera in umkreisenden Bewegungen verfolgt. Auch Alexandra (Mya Taylor), Sin-Dees Freundin und ebenso eine schwarze Transgender-Sexarbeiterin, kann mit dem schnellen Schritttempo kaum mithalten, das durch einen hybriden Soundtrack von Beethoven bis Dupstep durchgtetaktet ist. Zur Ruhe kommt man kaum, stattdessen werden in Kaskaden von Dialogen jegliche Atempausen ausgespart und durch das Wort „Bitch“ ersetzt.

Proportional zu der Relevanz der Suche und der Bewegung, hat das Telefonieren jegliche Bedeutung verloren: Alexandras Handy wurde gesperrt, da sie ihre Rechnungen nicht begleichen konnte. So kann Sin-Dee ihren Verflossenen nicht direkt kontaktieren, sondern ist gezwungen sämtliche Straßenecken und Fast-Food-Ketten nach ihm abzugrasen. Ganz generell scheint niemand im Film ein funktionsfähiges Handy zu besitzen. Einzig eine Zugestiegene in Razmiks Taxi nutzt ihr Smartphone (überraschenderweise ein Samsung) samt kawaii Handyhülle um Selfies zu schießen: Das Mobiltelefon als Mittel der Bildproduktion und dezidiert nicht der Verbalkommunikation.

TangerineGIF3

Worauf diese weitreichende Absenz des Mobiltelefons hinweist, ist die Überpräsenz der außerfilmischen Kamera, die selbst zu einem Smartphone gehört. Gefilmt wurde Tangerine L.A. nämlich mit einem iPhone 5s samt Anamorphic-Linsenadapter und einer 8$ teuren Applikation. Dieses kontextuelle Wissen transportiert der Film konsequent vor sich her und ruft es filmästhetisch immer wieder ins Gedächtnis: Paradigmatisch scheint die Gesangseinlage Alexandras in einem zwielichtigen Nachtclub zu sein. Reichlich unmotiviert von ihrer einfühlsamen Ballade wird über eine exzessive Montage die Präsenz der Kamera zum performativen Großspektakel. Sie bricht mit diversen Blickachsen und Orthogonalen, eröffnet sich in Jump Cuts und verschiebt Alexandra durch alle erdenklichen Ecken des Filmkaders.

Indem der Film immer wieder das Bewusstsein auf seine weit popularisierten Produktionsbedingungen lenkt, und das gerade durch das Ausstellen besonders filmisch wirkender Breitleinwandbilder mit ihrer satter Farbigkeit und unzähligen Lens Flares, schreibt es einerseits einen Genie- und Könnerschaftsdiskurs um den Regisseur Sean Baker, der ein derartiges Resultat mit „nur“ alltäglichen Mittel produzieren konnte. Diese Konstellation öffnet jedoch auch der Frage nach der Notwendigkeit: Welchen zusätzlichen Input liefert die Filmpraxis des iPhones? Worin liegt ein ästhetischer Mehrwert, der über das Staunen der Zuschauerschaft hinausgeht? Ist es womöglich „nur“ ein Marketing-Clou auf den Filmkritik und Feuilleton flächendeckend hereinfallen und alle weiteren filmästhetischen Parameter vernachlässigen?

Denkt man über eine mögliche Verbindungslinie zwischen Transgender Protagonist*innen und Handykameras nach, die ganz eindeutig die beiden wesentlichen Säulen dieses Filmerlebens sind, wäre das Begehren nach Authentizität ein erster Zwischenhalt. So stünde Tangerine L.A. in einer Tradition spezifischer Handkamerapraxis, die glaubhafte Bilder eines sozialen Milieus zeichnet. Doch darum kann es Sean Baker nicht gehen. Gleichwohl er die Rollen von Alexandra und Sin-Dee mit Laiendarsteller*innen besetzt, die selbst als Transgender-Sexarbeiter*innen in L.A. tätig waren, ist das Portrait, das er von dieser sozialen Konstellation an den Rändern der Großstadt anfertigt, mit einer derartig (farb-)starken Glassur übermalt, dass ein naturalistisches Abbild nicht das Ziel sein kann. Die Repräsentation randständiger Gruppen erfolgt hier mit einem großen Augenzwinkern samt Fake Lashes, kippt gleichwohl aber auch nicht in naive Romantisierung.

Auch ein essentialistisches Argument lässt sich aus der Überkreuzung von Transgender und iPhone-Kamera nicht standhaft errichten. Ein Staunen um Tangerines kinematografische Formsprache setzt eine kategorische Differenz zwischen dem Smartphone und einer „richtigen“ Filmkamera voraus. Eine vermeintlich unüberbrückbare Differenz wie sie auch in populären Diskursen um trans*Personen präsent ist, die keine „richtigen“ Männer* oder keine „richtigen“ Frauen* seien. Die Differenz ist bei Baker gerade kein Defizit sondern, ein Intervall in dem die Frage nach Ursprünglichkeit und Vorgängigkeit als solche obsolet wird.

TangerineGIF2

Ein anderes Register scheint für diese Lektüre produktiv zu sein: Während Tangerine L.A. Männlichkeit zunächst unhinterfragt als Allianz denkt, innerhalb der der Aufenhaltsort von Chester durch seine männlichen Kollegen kollektiv verschwiegen bleibt, wird weibliche Gemeinschaft als solche erst produziert. Diese Produktion ereignet sich dabei ganz maßgeblich an Gadgets der Kosmetik: Weiblichkeit wird zur Maskerade – Schichten von Make-Up deessenzialisieren einen ontologischen Kern.

An ihren wasserstoffblondierten Haaren wird Dinah, jene weiße Sexarbeiterin, mit der Chester seine Freundin betrogen hat, von Sin-Dee durch die Straßen L.A.s gezerrt. In unzähligen klamaukartigen Körpergemengen werden die gewaltvolle Übergriffe der beiden Frauen gegeneinander aufgezeigt. Ihre Abneigung, durch ihre individuelle Beziehung zu Chester motiviert, bleibt selbst vom gemeinschaftlichen Teilen einer Crackpfeife unberührt und scheint erst dann zu kippen, wenn Sin-Dee ihrer Kontrahentin in gänzlicher Abwesenheit von diegetischen Geräuschen mit ihrem Lippenstift aushilft. Eine sympathievolle Annäherung konstituiert sich hier also über das Puder, das sich über ihre “wahren Gesichter” legt. Genauso ist der freundschaftlichste Momemnt von Sin-Dee und Alexandra jener, als es zu einem Austausch ihrer Perücken kommt, die jene vorgängliche Konflikte wieder glattbügelt. Die Kraft dieser Szene liegt nicht in der Demaskierung, die eine wahrhaftige Erscheinung zu Tage bringt, sondern in ihrem Beharren auf Haarpracht als identitätsstifendes Moment. Gerade indem Tangerine L.A. vermeintlich trivialen (kosmetischen) Werkzeugen eine allianzstiftende Wirkung zuspricht, wird die Frage, warum der Film unbedingt mit einem Smartphone gedreht werden musste hinfällig. Die Konzentration auf die Oberflächen, auf den Look und das Erscheinungsbild sind somit keine inhaltslosen Spielerein mehr, sondern gerade das ästhetische und deessentiliastische Programm, das sich der Frage nach Innerlichkeit und Brauchbarkeit verweigert.

Tangerine L.A., USA 2015, 88′
Regie: Sean Baker
Buch: Chris Bergoch & Sean Baker
Kamera: Radium Cheung & Sean Baker
Darsteller: Kitana Kiki Rodriguez, Mya Taylor, Mickey O’Hagan
Verleih & GIF-Rechte: Kool
Starttermin: 07. Juli 2016

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>