Take Shelter – Schutzraum Kino

ImageWie sucht man Schutz vor etwas, das nur im eigenen Kopf ist? Und noch schlimmer: wie kann man sich vor etwas schützen, dass man klar als nicht real erkennt, vor dem man sich aber so fürchtet, als wäre es Wirklichkeit? Diese Fragen stellt Jeff Nichols neuer Film – und er findet glücklicherweise keine Antwort: Curtis ist der regular Guy (toll: Michael Shannon). Small town, beloving wife (noch toller: Jessica Chastain), good friends (am tollsten: Shea Whigham) and job. Alles ziemlich Bruce-Springsteen-like. Der Film beginnt mit den Angstträumen, die Curtis plötzlich hat. Ohne ersichtlichen Grund träumt er von Wirbelstürmen, die auf sein Haus zurollen und davon, dass ihn seine Freunde töten wollen. Die Träume scheinen sehr real und beeinflussen zunehmends seine Gesundheit: er schläft schlecht, wacht schweißgebadet auf, Verletzungen, die ihm im Traum zugefügt werden, spürt er auch noch am nächsten Tag, und er wird zunehmend unkonzentrierter. Und obwohl Curtis klar zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden kann, beginnt er, Schutzmaßnahmen zu treffen: er baut einen Schutzraum in seinem Garten gegen die Wirbelstürme und hält sich von seinen Freunden fern, die ihn im Traum bedroht haben. Und wer keine Spoiler mag, sollte jetzt nicht weiterlesen und sich diesen Film, der sicher jetzt schon zu den interessantesten dieses Jahr zählt, schleunigst ansehen. (Unsere Braunschweiger Leser haben dabei wieder das Nachsehen: hier läuft der Film  nicht (Bundesstart: 22. März). Daher an dieser Stelle der Hinweis, dass man die DVD zum Preis einer Kinokarte bei amazon.uk erwerben kann – dass keiner ins Kino geht, ist vielleicht auch die Schuld der Kinos selbst …)

ImageJeff Nichols Film ist zum einen durchaus spannend: die Träume sind effektvoll inszeniert und die CGIs in den meisten Fällen spektakulär ohne zu dominant zu sein. Gleichzeitig schafft er aber auch das Kunststück, sich auf den Protagonisten und seine Angst zu konzentrieren, ohne sein Umfeld, seine Familie, Kollegen und Freunde aus dem Blick zu verlieren. Er erzählt auch etwas über ihre Verunsicherung. Das Interessanteste ist aber sicherlich, dass er nie der Versuchung erliegt, die Grenzen zwischen Traum und Realität zu verwischen. Zwar ist nicht immer gleich ersichtlich, wann ein Ttraum beginnt, (das ist einer der Gründe für die Spannung) dafür aber – und das ist im Grunde viel wichtiger – wann er aufhört. “Take Shelter” ist damit auch ein Film über das Kino. Wir genießen den Horror der Träume und wissen gleichzeitig auch um ihren illusionären Charakter. Aber damit erschöpft sich die Reflektionsebene nicht, denn auch Curtis ist diese Trennung die ganze Zeit über bewusst, und es gibt einen Moment, wo auch er einen Traum genießen kann: er schaut sich ein Gewitter an, und fragt sich, ob das jetzt Wirklichkeit oder Traum ist. Und als er es als Traum identifizieren kann (weil es ihn ausnahmsweise nicht direkt bedroht und damit nicht allein an seine Instinkte appelliert), kann er es auch genießen. Von dem Blick auf die beeindruckenden Blitze am Horizont schneidet Nichols auf eine schwarze Fläche, die sich öffnet: eine Garage von innen, bei der sich das Tor hebt und das Tageslicht herein dringt. Das ist auch eine starke Metapher für die Kinoleinwand, diese dünne Membran, die Traum von Realität trennt. In “Take Shelter” geht es um diese Öffnung, das Dazwischen. Und das ist interessanter als dieser modische Mindfuck-Kram, der bloß funktionieren, weil genau diese Reflexionsebene verweigert wird. Bei “Inception” & Co geht es um die totale Illusion, diese Filme sind im Grunde nichts weiter als Bravourstückchen über die Möglichkeiten des Kinos.
ImageJeff Nichols wäre beinahe der perfekte Film zum Thema gelungen – hätte er ihn zwei Minuten vorher beendet. Denn in der letzten Szene gibt Nichols genau die oben beschriebene Ebene auf und entscheidet sich ebenfalls für die Illusion: Curtis hat am rechtzeitig die Reißleine gezogen und sich für eine lange und aufwändige Therapie entschieden. Gemeinsam mit seiner Frau und dem Kind fahren sie an die See, als plötzlich ein Wirbelsturm angerollt kommt. Zunächst kündigt sich das nur durch Geräusche, Blicke und die Stimmung der Szene an. Seine Frau kommt aus dem Haus, wie gebannt schaut sie über das Wasser zum Horizont – und in der Reflektion der Fensterscheibe sehen wir die Tornados. Hätte Nichols hier geendet, es wäre ein großartiges Ende gewesen: die Bedrohung, der Grund für die Angst thematisiert und eingefangen in einer Reflektion, in der Fensterscheibe, die hier für die Leinwand stände – ein geeigneter Punkt, um die Überlegungen, die der Film anstößt, produktiv weiterzuführen. Aber Nichols entscheidet sich aus was für Gründen auch immer für den Umschnitt: er zeigt den Sturm und die Reaktion der Familie. Die Illusion siegt über die Reflexion. Immer noch ein starker Film, aber nicht mehr das, was es für den Rezipienten bis fast zum Schluss gewesen wäre: der perfekte Film.

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