Ta’ang

Sektion: Forum / R: Wang Bing / China 2016

Wang Bing

Bei der gegenwärtigen Flüchtlingskrise verschwindet häufig aus dem Blick, dass auch in anderen Regionen bei anderen Konflikten Menschen fliehen müssen. In Myanmar gibt es solch einen Bürgerkrieg, der die Menschen, die nicht kämpfen wollen oder können über die Grenze nach China treibt. (Dieser Konflikt war auch bei City of Jade Thema, einem anderen Film, der ebenfalls in diesem Jahr im Forum lief.) Wang Bing, seit einiger Zeit einer der interessantesten dokumentarisch arbeitenden Filmemacher, hat in seinem neuesten Film die Flüchtenden begleitet. Wie auch schon in seinem Debüt West of the Tracks behält Wang Bing seine Art der Kameraführung bei, was auch diesen Film so ungewöhnlich und besonders macht. Seine Spezialität ist es, zu den Prozagonisten so ein Vertrauensverhältnis herzustellen, dass kaum jemand noch die Kamera zu bemerken scheint. Geht er in West of the Tracks noch mit den Arbeitern unter die Dusche und filmt Schlägereien, so sitzt er jetzt mit den Geflüchteten am Lagerfeuer, ist bei Ihnen im Zelt und fährt mit ihnen im Pickup in die Stadt. Kaum jemand scheint sich dabei besonders für die Kamera zu interessieren, selbst die vielen Kinder, die in fast jeder Szene zu sehen sind, schauen nur selten hin. Das ist zu nächst sehr bestürzend, das Elend und zudem die vielen Kinder darin so direkt zu sehen. Der Film eröffnet auch direkt damit, dass ein Mann (Männer tauchen in dem Film sonst gar nicht so häufig auf) eine Frau tritt, weil sie seiner Meinung nach nicht richtig auf ihre drei Kinder aufpasst (ohne, dass er Anstalten machen würde, ihr zu helfen, versteht sich). Je länger der Film jedoch andauert, desto mehr wird dieser Schock durch das Interesse an den Protagonisten abgelöst.. Es ist nicht so, dass man sich während der zweieinhalb Stunden, die der Film dauert, an das Elend gewöhnen würde, vielmehr entwickelt man durch die Nähe auch ein starkes Interesse an den Menschen, da Wang Bing nicht einfach wahllos den verschiedenen Personen folgt, sondern eben auch über eine halbe Stunde bei Gesprächen zuhört.
Man erfährt insgesamt wenig über den Konflikt in der Region, Ta’ang ist daher auch weniger ein Film über diese Flüchtlinge als einer, der mit ihnen entsteht, und der nachhaltig das Interesse an der Region und dem Konflikt zu verstärken vermag. Besonders eindrucksvoll ist dann auch der dritte Teil des Films, der direkt an der Grenze aufgenommen wurde. Während die Flüchtlinge noch überlegen, wo sie die Nacht verbringen können, hört man im Hintergrund permanent das Geschützfeuer, immer wieder auch begleitet von lauteten Einschlägen. Ihre unsichere Situation spiegelt sich dabei im Bild: Der Grenzübergang ist nicht geschützt und daher inmitten der Natur auch nicht sichtbar. Einzig der abwechselnd eingeblendete Schriftzug “China” oder “Myanmar” markiert hier territoriale Zuschreibungen.

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