Syntax Error & Hüttengaudi

Ob mordlüsterne Inzest-Familie, degenerierte Redneckbande oder nicht-humane Gruselgestalt: College-Boys und Girls rennen um ihr Leben. Teen-Horror nennt sich dieses Genre, geliebt und gehasst gleichermaßen. Traurigerweise wagt es nur selten jemand diesem Stereotypenkasperletheater frischen Wind einzuhauchen. Nein, hier verlässt man sich in der Regel aufs Althergebrachte: Astralkörper im Nirgendwo, die nach und nach ins Gras beißen. Es wird mehr gekreischt als ein Trommelfell ertragen kann und nicht selten klatscht man sich unwillkürlich die Hand vor die Stirn, weil einer der beschwipsten Twens aufgrund eines sonderbaren Geräuschs sein sicheres Kämmerchen verlässt und blindlinks in die nächtliche Pampa stiefelt; alleine und mit halbtoter Taschenlampe versteht sich. Die Logik packt oftmals die Kurve nicht und fliegt schon in der ersten Runde aus der Bahn. Aber das ist nicht weiter wichtig. Denn an erster Stelle stehen Schauwerte: Schöne Jungschauspieler, ebenso naiv wie austauschbar, die halbnackt durch die Prärie flitzen, hier und da ein wenig softsexeln und eben krepieren; mal mehr, mal weniger kreativ, hauptsache degoutant und blutig.

In Eli Craigs Tucker & Dale vs. Evil wird der Spieß einfach umgedreht. Hier sind die Hinterwäldler ausnahmsweise mal nicht die Bösen. Diese Genre-Antithese ist interessant, weil die Erwartungen des Betrachters unterwandert werden und man zunächst den beiden kauzbärtigen Herren das Mörderkäppchen überstreift. Man kennt es eben nicht anders, getreu nach dem Motto: Trau keinem mit Holzfällerhemd und schiefen Zähnen. So werden die für das Genre obligatorischen Versatzstücke in ironischer Weise exerziert und das auf solch gelungene Art, dass sich der Film das Schenkelklopfer-Krönchen des „Fantasy Filmfests“ 2010 aufsetzen durfte.

Der Bruch mit Gewohnheiten ist also eine Möglichkeit, den Kreis der Konventionen zu durchbrechen. In Drew Goddards The Cabin in the Woods wird jener gar zerschmettert, wenn nach vertrauter erster Hälfte plötzlich kein Frame mehr auf bekannten Pfaden wandert. Der Hüttenhorror, das einmal vorweg, entpuppt sich als eine der großen Genreüberraschungen des Jahres. Nicht nur, weil The Cabin in the Woods ein wirklich anderer, sondern auch ein wirklich guter Film ist und selbst Kenner der Sparte Teen-Horror Schrägstrich Meta-Horror verblüffen dürfte.

Ohne an dieser Stelle zuviel zu verraten (trotzdem gilt: VORSICHT SPOILER) sei gesagt, dass ein vermeintlicher Hüttenzauber ein bitterböses Ende findet. Fünf befreundete Studenten wollen einen unverdienten Urlaub in der Natur verbringen und fahren in den Wald, ihr Ziel ist eine verlassene Holzhütte. Auf dem beschaulichen Weg dorthin halten sie an einer halb zerfallenen Tankstelle. Ein alter, etwas senil wirkender Mann warnt vor dortigen Gefahren, sie sollen besser umkehren, rät er ihnen. Gesagt, das Gegenteil getan, fahren sie weiter und an der inszenierten Idylle wird abermals heftig gerüttelt, als während eines schönen Kameraflugs über Wald und Felsental ein elegant dahingleitender Adler wie eine Motte im elektrischen Stromgitter-Fliegentöter verpufft, als er mit einem unsichtbaren Energiefeld kollidiert. Und da ist noch mehr: Die Fünf werden die ganze Zeit über beobachtet, ähnlich wie Gemütspalter Jim Carrey in der Truman Show. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie unfreiwillige Akteure in einem grenzperversen Spiel sind, das von Frauen und Männern in wichtigen weißen Kitteln betrieben wird, die in einer hochmodernen Anlage residieren und jeden Schritt der Truppe über Bildschirme verfolgen. Warum die das tun, kommt erst gegen Ende des Films ans Licht.

Bis dahin kämpfen Curt (Chris Hemsworth), Marty (Fran Kranz), Holden (Jesse Williams), Dana (Kristen Connolly) und Jules (Anna Hutchison) ums nackte Überleben, während im Hintergrund fleißig Knöpfchen gedrückt und Schalter bewegt werden. Jetzt kommen auch Gorehounds auf ihre Kosten: roter Render-Saft spritzt und fließt in rauen Mengen und bei der Auswahl der Monstrositäten bewiesen die Macher durchaus Kreativität; für manche Kinogänger bestimmt über das Maß hinaus…es ist schon unglaublich, was da alles kreucht und fleucht. Glücklicherweise verlässt sich der Film aber nicht nur auf seine durchweg guten, wenn auch quitschbunten, (Computer-)Effekte, die nur an wenigen Stellen etwas abfallen, sondern überrascht mit allerlei zynisch-amüsanten Einlagen. So wird wird in der Schaltzentrale allen Übels darum gewettet, welche der vielen Kreaturen den Opfern auf die Pelle rücken soll, abhängig davon, mit welchen Gegenständen sie im Keller der Hütte herum hantieren. Enttäuscht senken diejenigen ihre Häupter, die sich fälschlicherweise für Einhorn, Riesenspinne oder eine der vielen weiteren Bestien entschieden haben, während die Gewinner jubeln und sich anschließend die fauligen Körper der Zombie Redneck Torture Family [sic] aus ihren Gräbern erheben und Jagd auf mehr oder weniger frisches Studentenfleisch machen. Und wenn dann in all dem Tumult, der schamlos auf die stirnrunzelinduzierende CGI-Spitze getrieben wird, noch Sigourney Weaver auftaucht und für den WTF-Moment dieser Kinosaison sorgt, dann fragt man sich ernsthaft, ob man nicht mit Dauerkiffer Marty die Blutbahn oder die eine oder andere Synapse teilt.

The Cabin in the Woods ist urkomisch, herrlich erfrischend, schert sich nicht um Genrekonventionen und erweist sich als Meta-Film im doppelten Sinne: Er ist nicht nur ein Horrorfilm über Horrorfilme, sondern auch ein Kinofilm über das Kino, über die Mechanismen der Illusionserzeugung, über das „Dahinter“, das seit Jahren immer wieder ein und dieselbe abgegriffene Blaupause des Schreckens hervorkramt und austauschbares Zelluloid für Popkornsüchtige produziert. Es ist deswegen auch nicht verwunderlich, dass die Inszenatoren der “Show” Opfer ihrer eigenen Brut werden. Und nicht umsonst heißt der Film The Cabin in the Woods. Hier liegt die Ironie schon im Titel, der zwar marketingtechnisch wenig schlau gewählt ist, aber das Kind beim Namen nennt: „Ihr wollt einen Teen-Slasher? Hier habt ihr einen Teen-Slasher!“, muss Drehbuchautor Joss Whedon wohl gedacht haben, als er zum Füller griff und vielleicht oder auch nicht an ein/zwei Flaschen Rotwein nippte. Seine Handschrift ist allzeit präsent und wo immer er auch seine Finger im Spiel hat, ist gute Unterhaltung garantiert (Ich hoffe ja noch immer, dass eines Tages Firefly fortgesetzt wird…).

Leicht berauscht verlässt man das Kino. Hormondüsen im Haus zu installieren zwecks Manipulation menschlichen Verhaltens ist doch mal wirklich eine prima Idee, denkt man sich. Das macht aus Sonnyboy Curt, der eigentlich zu viel im Kopf hat um den Retortenfootballspieler aus dem Reagenzglas zu mimen, eben jenen: einen hohlen Hitzkopf, den diese Gattung Film wohl braucht, stilecht ergänzt durch eine auf dauerscharf eingestellte Genreblondine.

Zugegebenermaßen ist das 95-Minuten-Paket ein Quentchen zu prall gefüllt und es hätten ruhig 120 weniger straffe Minuten sein dürfen. Aber was nicht ist, könnte im Nachfolger noch werden. Obwohl, was soll nach diesem Ende noch kommen?

The Cabin in the Woods, USA 2012, 95′
Regie: Drew Goddard
Drehbuch: Drew Goddard, Joss Whedon
Kamera: Steve Smith
Darsteller: Chris Hemsworth, Richard Jenkins, Kristen Connolly, Anna Hutchison
Verleih: Universum Film GmbH
Kinostart: 06.09.2012

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