Sture Böcke

Das (so genannte) Weltkino bevorzugt neben Stilmerkmalen wie langen Einstellungen und der Arbeit mit Laiendarstellern häufig alltägliche Geschichten. Die Protagonisten sind einfache Bauern, Verkäufer oder Kleinkriminelle, die Dramen reichen selten über den Kreis des Familiären hinaus. Damit unterscheiden sich Filme von Lav Díaz, Pedro Costa, Lisandro Alonso und Apichatpong Weerasethakul (um nur die bekanntesten Vertreter zu nennen) von denen der (so genannten) Berliner Schule, deren Stil nicht weniger realistischer ist, die Geschichten aber häufiger innerhalb der Mittelschicht spielen. Stark vereinfacht könnte man sagen, dass der spezielle Realismus des italienischen Neorealismus im Weltkino seine Fortsetzung gefunden hat, wohingegen das (so genannte) europäische Kino kein allzu großes Interesse mehr an Milieustudien hat. Hingegen ist häufiger zu beobachten, dass das Milieu benutzt wird, um eine Geschichte zu erzählen, eine über Kampf, soziale Ungleichheit, den schwarzen Schwan, das hässliche Entlein. Diese Filme sind politisch (oder halten sich dafür), weil sie Forderungen enthalten, nicht aber, weil sie von Orten und Personen erzählen, die sonst keinen Platz auf der Leinwand haben. Dabei braucht es gar keine fernen Länder, um vom unbekannten Alltag zu erzählen, aber es scheint momentan so, dass der Mut, etwas ohne griffige Geschichte zu erzählen, die sich ohne weiteres mit ein paar Sätzen zusammenfassen lässt, eher außerhalb Europas anzutreffen ist (mit den bekannten Ausnahmen, wie den neueren Filmen aus Rumänien oder Griechenland beispielsweise).

Sture Böcke fügt sich leider in dieses Bild ein. Dabei ist das Setting durchaus interessant und nicht abgenutzt: zwei wortkarge Brüder, die auf Island Schafe züchten. Doch die Arbeit, die Landschaft und die Leute sind nicht viel mehr als Kulisse, vor der dann eine doch schon häufig gesehene Geschichte zweier verfeindeter und sich allmählich zusammenraufender Brüder erzählt wird. Die Eigenheiten der beiden sowie ihre aufgrund der Einsamkeit entstandenen Marotten sind dem Film dankbare Möglichkeiten, um entweder durch die Montage (etwas Unerwartetes kommt plötzlich ins Bild), oder durch lange Einstellungen (es wird abgewartet, bis etwas Lustiges passiert) Humor daraus zu schlagen. Es ist nicht so, dass Sture Böcke ein ärgerlicher Film wäre oder dass man keine Komödie sehen möchte, aber ein Film, der das Interessante seiner Gegebenheiten zugunsten einer eher mittelmäßigen Geschichte ignoriert, ist zu bedauern. Und das ist dann vielleicht noch ein weiteres Merkmal des (interessanteren) Weltkinos: es nimmt seine Protagonisten ernst, anstatt sie konventionellen Geschichten zu opfern.

Hrútar, Island/Dänemark/Norwegen/Polen 2015, 93’
R+B: Grímur Hákonarson
M: Atli Örvarsson
K: Sturla Brandth Grøvlen
mit Sigurður Sigurjónsson, Theodór Júlíusson, Gunnar Jónsson
Starttermin: 31.12.205, im Verleih von Arsenal Filmverleih

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