Soy Nero

Deutschland/Frankreich/Mexiko 2016, Regie: Rafi Pitts (Wettbewerb)

von Sophia Hubel

Nach einer Woche Berlinale mit mindestens drei Filmen am Tag ist man schon ein bisschen abgestumpft. Dass die überaus dramatische Geschichte des „Green Card Soldier“ Nero (Johnny Ortiz) einfach so an mir vorbeiziehen kann, erschrickt mich trotzdem. Ich zucke zusammen, wenn geschossen wird, getroffen werde ich nicht.

Der Wettbewerbsfilm Soy Nero erzählt die Geschichte eines jungen Mexikaners, der alles daran setzt, endlich US-Bürger zu werden. Nachdem er seine Kindheit in Kalifornien verbracht hatte, wurde er zusammen mit seiner Mutter nach Mexiko abgeschoben. Seine einzige Chance, in den USA schnell an eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung zu kommen, ist, als „Green Card Soldier“ in der US-Armee zu dienen. Die „Green Card Soldiers“ sind eine Idee des ehemaligen Präsidenten Bush, dem 2003 nach dem Einmarsch in den Irak die Soldaten ausgingen. Das Versprechen einer „Green Card“ dient als Lockmittel. So ziehen Soldaten und Soldatinnen, die keine amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen, für die USA in den Krieg, von der Hoffnung getrieben, lebend zurückzukommen und dann US-Bürger zu werden. Soy Nero ist einer der ersten Filme, der sich diesem Thema widmet.

Die Flucht über die mexikanische Grenze, ein kurzer Aufenthalt bei seinem Bruder in Los Angeles, dann der Militäreinsatz im Mittleren Osten – das sind die drei Stationen von Neros Reise und auch die des Films. Eine so klare Unterteilung herauszuarbeiten fällt nicht schwer, denn die drei Teile wirken isoliert voneinander und lassen sich kaum zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Man könnte fast meinen, es seien drei unterschiedliche Filme, da sie in ihrer Ästhetik und ihrem Erzähltempo in keiner Weise zusammenpassen. Die Übergänge sind abrupt, kein einziger wird filmisch gezeigt. Kaum ist Nero über die Grenze – Schnitt: Los Angeles – Schnitt: Mittlerer Osten.

Vielleicht sind genau diese abrupten Schnitte notwendig, um die Absurdität von Neros Geschichte darzustellen. Ein in den USA aufgewachsener Junge muss zuerst die gefährliche Flucht über die Grenze auf sich nehmen. Gleich danach wird er, voll ausgestattet mit amerikanischer Flagge auf der Schulter, in ein Kriegsgebiet weit entfernt von den USA geflogen, um dort abermals sein Leben zu riskieren. Und das alles nur für diese Green Card. God bless America.

Doch die Entwicklung von Neros Geschichte bleibt auf der Strecke. Das Persönliche, die Details scheinen nicht wichtig, den Film interessieren hauptsächlich die drei großen Plot-Inseln. Neros Charakter wird mit nur wenig Feingefühl herausgearbeitet. Seine Blicke bleiben sich ähnlich und verraten mir nichts. Ich möchte ihn gerne verstehen, ich möchte mit ihm mitfühlen, ich möchte mit ihm wütend sein auf Amerika und diesen schrecklichen Patriotismus, doch ich kann es nicht. Soy Nero zieht auf eine seltsame Weise an mir vorbei. Es ist ein Film, der alles erzählen will, aber genau daran scheitert. Ein Film, der sich in der Handlung verheddert und dabei seinen Protagonisten vergisst. Dass der Film mich nicht trifft, liegt also nicht nur an meinen überstrapazierten Augen.

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