somniloquies

Der 1994 verstorbene Songwriter Dion McGregor war in seiner eigentlichen Profession wenig erfolgreich, erlangte aber in den 60er Jahren größere Aufmerksamkeit dafür, dass er seine Träume im Schlaf erzählte. Als “most prolific sleeptalker in the world” wird er in der dem Film vorangestellten Texteinblendung bezeichnet. Dass überhaupt eine solche Erklärung zu Beginn erscheint, ist für Arbeiten der FilmemacherInnen am Sensory Ethnography Lab eher ungewöhnlich, aber ohne diesen Kontext wäre man in somniloquies noch verlorener als es ohnehin schon der Fall ist. Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel (zuletzt 2013 mit Leviathan im Forum Expanded vertreten) verwenden die Tonaufnahmen, die McGregors Mitbewohner über mehrere Jahre von dessen Traumerzählungen machte, und gestalten daraus ein filmisches Experiment zwischen visueller Körpersezierung und erfahrbarem Albtraum.

Während McGregors Stimme, meist in außergewöhnlicher Klarheit und so gar nicht verschlafen, von Midget-City erzählt, die Nachbarin mit dem “platinum bush” versucht abzuweisen oder in schmerzlicher Genauigkeit schildert, wie sein Körper aufgeschnitten, ausgenommen und wieder zugenäht wird, sehen wir zunächst kaum mehr als schemenhafte Bildfragmente. Erst nach und nach wird klar, dass es sich um die nackten Körper schlafender Menschen handelt, die vom Blick der Kamera auf höchst aufdringliche und zugleich abstrakte Weise abgetastet werden. An die Stelle harter Konturen werden weichgezeichnete Umrisse gesetzt, die mit der Dunkelheit verschwimmen, immer wieder aus ihr heraus oder in sie zurück treten und eigentlich nur bei den Close-Ups der Gesichter eindeutige Zuordnungen zulassen. Als Zuschauerin auf permanenter Suche nach Orientierung und visuellen Anhaltspunkten, reichen die Assoziationen von embryonalen Formen über kaulquappenartige Deformierungen bis hin zu dämonischen Verzerrungen. Schwarze Löcher tun sich inmitten der Körper und Gesichter auf, nicht selten fühlt man sich an Edvard Munchs “Schrei” erinnert oder fragt sich, ob man gerade als einzige überall Totenköpfe sieht. Die Bilder in somniloquies sind keine bloßen Ergänzungen zu den verbalisierten Träumen, sie sind auch weit von reinen Beobachtungen entfernt. Es geht vielmehr um eine Übersetzung der diffusen, absurden und mitunter verstörenden Qualitäten der Träume in abstrakte Bildwelten zwischen Intimität und Imagination. Auch wenn Bild- und Tonebene autonom und gleichwertig nebeneinander existieren, sind sie eng miteinander verwoben: So wie wir über die Aufnahmen von McGregors Gesprächen im Schlaf Zugang in seine psychische Innenwelt erlangen, dringt auch die Kamera (fast) in die intimsten körperlichen Bereiche der Schlafenden ein. Vordergründig seltsame und stellenweise amüsante Momente sind von dieser im Grunde brutalen Vorgehensweise geprägt, die dem gesamten Film – neben all den kleinen Lachern – eine zutiefst beklemmende Atmosphäre verleiht.

Sektion: Forum
somniloquies
Frankreich / Großbritannien / USA 2017, 73′
Regie, Kamera, Schnitt: Verena Paravel, Lucien Castaing-Taylor
Ton: Verena Paravel, Lucien Castaing-Taylor, Mike Barr
Sound Design: Gilles Bénardeau

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