Sightseers – Camping-Horror und Popmusik

02Chris und Tina sind noch nicht lange zusammen, aber sie wollen unbedingt gemeinsam im Wohnmobil die englische Provinz erkunden. Bald wird klar, dass Tina ihren Liebsten nicht so gut kennt wie gedacht. Der leicht reizbare Chris macht kurzen Prozess, wenn ihm jemand auf die Nerven geht und entpuppt sich als psychopathischer Killer. Und Tina freundet sich erstaunlich schnell mit dieser Vorgehensweise an…

Zu den Klängen von „Tainted Love“ begeben sich die beiden Mittdreißiger auf eine Reise, die als spießiger Camping-Urlaub beginnt und als Aneinanderreihung von Gewaltakten enden wird. Dabei ist das Lied Vorbote aller Entwicklungen, wird die Liebe der beiden doch durch die Morde auf gewisse Weise beschmutzt. Seine cholerischen Tendenzen kann Chris nicht lange verbergen, sodass es bei der ersten Gelegenheit zum Eklat kommt. Auf dem Parkplatz des Straßenbahnmuseums weigert sich ein Mann seinen Müll aufzuheben. Chris muss nicht lange überlegen und fährt ihn über den Haufen, allerdings mit einer Spur zu viel Genuss, um das Ganze überzeugend nach einem Unfall aussehen zu lassen. Spätestens jetzt ist klar: der Typ mit dem roten Bart ist ein ganz schöner Psycho. Die gelassene Reaktion seiner Freundin auf die mordenden Tendenzen lässt schon vermuten, dass sie mindestens genauso große Macken hat, was sich schließlich bestätigt, wenn sie selbst beginnt, lustig drauflos zu killen. Das wiederum wird Chris irgendwann zu viel und es kommt zu Streitereien darüber, wann man morden darf, wie viel System man braucht und dass es doch bitte nicht so willkürlich sein soll.

07Die Figuren wurden von den Hauptdarstellern und Comedians Alice Lowe und Steve Oram über mehrere Jahre in ihren Stand-Up-Programmen entwickelt. Aus den anfänglich spontanen Ideen verfassten sie schließlich ein Drehbuch, das ihren Charakteren genug Hintergrund liefert, gleichzeitig aber keinen Versuch einer eindeutigen Erklärung unternimmt. Sie haben ein Killerpärchen erschaffen, das nichts mit den romantisierten, glamourösen oder coolen Merkmalen von Bonnie & Clyde oder Mickey & Mallory zu tun hat. Chris und Tina sind im Gegensatz zu diesen aufpolierten Versionen roher und vor allem auch ein gutes Stück langweiliger, weil sie einfach unspektakuläre Loser sind. Das führt zu einer Art Konflikt. Einerseits wünscht man sich eine stärkere Ausreizung des Wahnsinns der beiden, andererseits ist es im Grunde unkonventioneller, ihre psychopathischen Neigungen nicht komplett auszureizen. Die daraus resultierende Vorhersehbarkeit ist vielleicht die größte Schwäche des Films, gewinnt aber auch System. Regisseur Ben Wheatley schließt den Kreis: er beginnt mit alltäglichen Situationen, die zunächst ins Extreme getrieben werden und schließlich durch steigende Routine wiederum zum Alltag werden. Die Gewalt gewinnt ein Stück Normalität, ohne dabei ihre verstörende Wirkung zu verlieren. So wandelt Sightseers auf dem schmalen Grat zwischen schwarzem Humor und Grausamkeit, ohne die Balance zu verlieren. Klar sind die Morde explizit und überzogen inszeniert, aber sie verkommen letzten Endes nicht zu bloßen Lachern. Der Film hat genügend Gags, um Spaß zu machen und bringt den passenden Grad an Brutalität und Befremdlichkeit mit sich, um einen beunruhigenden Nachgeschmack zu verursachen.

Am Ende stellen sich Tina und Chris zu den Klängen von „The Power of Love“ ihrem Schicksal. Rein oberflächlich wird man mit einer Hymne an die heilende Kraft der Liebe zurückgelassen, während die voraussehenden Worte von „Tainted Love“ sehr viel passender erscheinen: „The love we share seems to go nowhere.“

SSMain

Eine der wahrscheinlich schönsten Taglines des Jahres gibts noch dazu…

Sightseers, UK 2012, 88′
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: Alice Lowe, Steve Oram, Amy Jump
Kamera: Laurie Rose
Besetzung: Alice Lowe, Steve Oram, Eileen Davies
Verleih: MFA/Filmagentinnen
Kinostart: 28.02.2013

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