Selma

Ich habe einen Traum, dass eines Tages Hollywood-Produktionen zu den Themen US-amerikanischer Kolonialgeschichte, Sklaverei und Rassismus nicht unnötig mit emotionaler Rührseligkeit und überstrapaziertem Pathos aufgeladen werden. Dieser Traum ist ohne Frage weniger dringlich und politisch als jener, den Martin Luther King 1963 geäußert hat. Und doch scheinen wir von dessen Erfüllung mindestens genauso weit entfernt zu sein. Selma stellt dies erneut unter Beweis.

Selma

In genretypischer Biopic-Manier nimmt sich Selma die Märsche und gewaltlosen Widerstände des Civil Rights Movements unter der Führung von Martin Luther King zum Sujet. Nach Verabschiedung des Civil Right Acts soll dieser auch in den Südstaaten in die Praxis überführt werden. So zumindest in der Theorie.
Im Endeffekt erzählt die Regisseurin Ava DuVernay hier jedoch einen Heldenepos: Sie inszeniert weniger einen langwierigen Widerstand und auch keinen steinigen Kampf, sondern letztendlich einen glorreichen Sieg. Die Figur Martin Luther King wird zu einem entleerten Ikonen-Abbild. Das Narrativ der Bürgerrechtsbewegung wird zum Zeitvertreib nach dem sonntäglichen Gottesdienst.

Selma

Die Hauptfigur möglichst facettenreich zu gestalten steht wohl auf Seite eins im Regie-Lehrbuch. Selma braucht das nicht. Martin Luther King war ein Held, daran besteht kein Zweifel und der Film lässt auch keinen zu. Die Filmfigur ist ein gläubiger Mann, der abends mit seinen Kindern spielt, seine Ehefrau liebt und beim Sex nicht stöhnt. Sofern er überhaupt Sex hat. Im Hinblick auf die Spieldauer von über zwei Stunden streut der Film zwar immer wieder Spannungen um die Figur Kings ein, etwa Funken von Sexualität, Gedanken an Untreue oder Rivalitäten zu Malcom X, nur um diese jedoch im nächsten Moment direkt wieder im Keim zu ersticken und Martin Luther King von ihnen reinzuwaschen. Selbst Kings Mugshots werden überlagert von bewegenden Ansprachen, die selbst die Orgelpfeifen im Hintergrund in ihrer Größe übersteigen.

Man sieht King im Profil, den Blick nachdenklich in der Ferne gerichtet, umgeben von einem Meer aus goldgelbem Licht. Diese Einstellungen sehen dank der exzellenten Kamera von Bradford Young nicht nur himmlisch aus, sie machen zudem deutlich, wer von eben diesem Himmel geschickt worden ist. Kein Wunder also, dass es der Figur Martin Luther Kings gelingt, die Vielzahl an auftretenden Konflikten, sei es mit dem SNCC oder mit dem Präsidenten Lyndon B. Johnson, letztendlich und meist sehr abrupt mit einer einnehmenden Rede für sich zu entscheiden.

Selma

In Kostümen, die genauso aus der Garderobe von Mad Men hätten stammen können, versammeln sich die Figuren zum Marsch in Selma, der von der Polizei unter Einsatz von Schlagstöcken und Pistolen zerschlagen wird. Der gewaltsame polizeiliche Eingriff ist dabei Bestandteil von Kings Taktik, ebenso wie der von der filmischen Strategie. So werden nach den Gräueltaten nämlich die Trauer und das Leiden der Filmfiguren ausgiebig inszeniert. Daher blicken wir beharrlich auf Cager Lee, der nach dem Tod seines Enkels sichtlich mit den Tränen kämpft und dem nur Kings Worte noch Trost spenden können: „God was the first to cry for your boy.“ In einem anderen Fall werden wir gleich zu Beginn des Films mit dem Tod mehrerer Schulmädchen, auf den darüber hinaus nicht weiter eingegangen wird, in emotionale Sintfluten gestürzt.
Diese gefühlsgeladene Affektiertheit mischt sich anschließend mit einer scheinbar dokumentarischen Performanz, wenn die Schlusssequenzen des Films mit historischem Bildmaterial unterfüttert werden, sich mit den fiktionalen Bildern zu einer kontinuierlichen Stringenz entwickeln und letzten Endes in einem idealisierten Tableau kulminieren: Kraftvoll und pathetisch umgreifen sich zwei Hände vor einem wolkenlosen strahlenden Himmel.

Selma ist politisch korrektes Gerechtigkeitskino mit Happy End. Die thematische Aktualität und ein Appell zum Handeln, das also womit sich der Film selbst rühmt, schimmert nur selten durch seine dicke weichgespülte Glanzschicht hindurch. Vielmehr entlässt Selma sein Publikum mit einem gegenteiligen Gefühl. Er weckt weniger Hoffnung, als dass er uns in falsche Sicherheit wiegt und aktuelle Situationen zu Marginalien reduziert. Die Synthese aus Heldenepos und stilisiertem Happy End macht nämlich vor allem eins deutlich: King hat die Vorarbeit geleistet, der Rest sollte jetzt kein Problem mehr darstellen.

Selma, Großbritannien / USA 2014, 127′
Regie: Ava DuVernay
Buch: Paul Webb
Kamera: Bradford Young
Darsteller: David Oyelowo, Oprah Winfrey,Tom Wilkinson
Verleih & Bildrechte: StudioCanal
Starttermin: 19. Februar 2015

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