“Seit ich die Kunst kennengelernt habe, ist diese Zelle zum Gefängnis geworden”

Eigentlich wirkt es wie ein gewöhnlicher Theaterauftritt. Man sieht ein Dutzend Männer in römischer Kleidung die vor einem mittelgroßen Publikum ihre Dialoge präsentieren. Kurz darauf bebt das Publikum vor Begeisterung als die letzten Zeilen gesprochen sind. Schon kommen einige Wärter auf die Bühne, die die Männer zurück bringen. Zurück durch einen Trakt, wortlos weggeführt, in ihre kleinen, trostlosen Zellen. Die Türen gehen zu. Der Glanz von gerade eben ist verflogen. Nun sind sie wieder allein und zurück in der Realität. In einer Realität, in der sie als Mörder, Diebe, Verbrecher und Mafiosi ihre Zeit im strengsten Strafsicherheitsgefängnis Roms absitzen.

Der Film beginnt mit dem Ende, in Farbe. Kurz darauf wechselt er ins Farblose, was den Beginn der Rückblende einläutet. Die Taviani-Brüder erzählen die Geschichte von einigen Häftlingen, die während ihrer Haftzeit die Möglichkeit erhalten haben, Shakespeares “Julius Cäsar” einzustudieren und aufzuführen. Nachdem sich einige Männer dazu bereiterklärt und ein Casting durchlaufen haben, wurden die Rollen nach den jeweiligen Fähigkeiten verteilt und die Proben über mehrere Monate lang von den Taviani-Brüdern begleitet. Daraus ergibt sich ein Feature Film, der zugleich eine Dokumentation ist. Das ganze beruht auf einer wahren Geschichte und es sind tatsächliche Häftlinge, die am Film teilhaben, keine Schauspieler. Am Ende des Filmes werden die weiteren Wege der Insassen beschrieben, wie sie sich nach dem Theaterstück entwickelt haben. Dort wird deutlich, dass beispielsweise der Darsteller des Brutus inzwischen begnadigt worden ist, eine professionelle Schauspielkarriere verfolgt und extra für den Filmdreh zurück ins Gefängnis kehrte. Andere sitzen noch bis heute dort.

Spannend ist bei dem Film die Umgangsweise der Häftlinge untereinander, aber auch in Hinblick auf das Stück. Mit einer enormen Präzision und Energie verfolgen sie das Vorhaben und üben in jeder freien Minute. Sie treffen sich auf dem Hof, in ihren Zimmern, auf den Fluren, geben den anderen Insassen szenenhafte Auszüge. Außer einem kleinen feindlichen Kommentar auf dem Flur, wird die Theatergruppe bejubelt und respektiert. Selbst von den Wärtern, was sich an der Stelle zeigt, an der die Gruppe eigentlich ihren Ausgang beendet hat, sich aber noch mitten in der Szenenprobe befindet. Die Wärter sind so gefangen von der Darbietung, dass sie sich letztendlich ihren eigenen Regeln widersetzen und sie weiterspielen lassen, um zu erfahren, wie die Szene ausgehen wird.

Die Wahl des Theaterstücks ist vermutlich nicht ganz wahllos getroffen worden. Handelt doch das Stück von Verrat, Mord und Intrigen. Handlungen, die den Häftlingen nicht fremd sind und kann somit als eine Art Selbstreflektion gesehen werden. Das wird auch in den ruhigeren Momenten der Darsteller deutlich, wenn sie allein im Zimmer sitzen und über ihre Vergangenheit nachdenken oder versuchen, ihre eigenen Erlebnisse in das Stück einfließen zu lassen.

Der Beginn des Films ist auch zugleich das Ende. Wir sehen erneut – in Farbe – Teile der Aufführung und wie am Ende die Häftlinge wieder in ihre Zellen geführt werden. Kein Wort wird gesprochen. Bis auf einen Satz des Insassen, der Cäsar verkörperte und den gesamten Film nicht besser resümieren könnte: “Seit ich die Kunst kennengelernt habe, ist diese Zelle zum Gefängnis geworden.”

Cesare deve morire, Italien 2011, 76′
Regie: Paolo und Vittorio Taviani;
Darsteller: Salvatore Striano, Cosimo Rega, Giovanni Arcuri

Ausgezeichnet mit dem Goldenen Bären 2012.

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