Schiwoi Trup (Berlinale)

Die 1929 in Berlin uraufgeführte Verfilmung des gleichnamigen Stücks von Lew Tolstoi entstand in deutsch-sowjetischer Koproduktion, genauer gesagt in Zusammenarbeit des sowjetischen Studios Meschrabpom-Film und der deutschen Produktionsgesellschaft Prometheus-Film. In seiner originalen Form ist Schiwoi Trup von Regisseur Fjodor Ozep heute nicht mehr aufzufinden. So liegen dem Film sechs unterschiedliche Fassungen zugrunde, die vom Österreichischen Filmmuseum und der Deutschen Kinemathek in mühsamer Arbeit und durch analoge sowie digitale Restaurationsverfahren zu einem Gesamtwerk synthetisiert wurden. Die Musik zu dieser erstmals auf der Berlinale im Zuge der Retrospektive aufgeführten Variante – komponiert von Werner Schmidt-Boelcke – ist erst 1988 entstanden und glücklicherweise hervorragend auf den Film abgestimmt. Jene unterstreicht die mitreißende Montage überaus gelungen und verleiht dem Drama einen kraftvollen Rhythmus, in der Wirkung vergleichbar mit Edmund Meisels im Jahre 2005 eigens für Panzerkreuzer Potemkin komponierter Filmmusik, die Eisensteins Montage-Wunder zum propriozeptiven Erlebnis macht.

Fedja – gespielt von Wsewolod Pudowkin – erfährt eines Tages, dass seine Frau Lisa einen anderen liebt. Er will ihrem Glück nicht im Wege stehen und sich scheiden lassen. Das strikte Reglement durch Staat und Kirche machen eine Trennung aber unmöglich. So plant Fedja zunächst einen vorgetäuschten Ehebruch, bricht aber unter der Last der Lüge zusammen und sieht den einzigen Ausweg darin, seinen Tod vorzutäuschen und unterzutauchen. Er verbringt die Nächte in Asylen, schleicht durch dreckige und heruntergekommene Gegenden und versucht unerkannt zu bleiben, was ihm jedoch nicht gelingt. Lisa wie auch er werden der Bigamie bezichtigt und verhaftet. Ohne Aussicht auf Freispruch begeht er im Gerichtssaal Selbstmord.

Das drastische Ende als Kritik an menschenunwürdigen Zuständen ist der harte Aufprall eines langen Falls nach unten. Es gibt keinen anderen Ausweg als den Tod. Von Anfang an nicht. Auch wenn die düstere Geschichte voller komischer und auch fröhlicher Momente steckt, spürt man jederzeit die Hoffnungslosigkeit Fedjas und die Unvermeidbarkeit seiner finalen Handlung. Absolut vereinnahmend durch die aufreibende Erzählweise und den rasanten Schnitt, zählt Schiwoi Trup als düster-groteskes und sozialkritisches Melodram zu den wichtigsten Werken des sowjetischen Montagekinos.

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>