Scaramouche

Unter dem Titel ‘Glorious Technicolor’ begibt sich die diesjährige Retrospektive der Berlinale auf eine Reise durch die überladenden Farbspektren des Technicolor. Diese Reise erinnert an eine Fahrt mit der Pferdekutsche, nicht zuletzt deswegen, da sich diese als inhaltliches Motiv durch eine Vielzahl der Filme zieht: Mal stehen die Pferde im Zentrum und entspinnen Liebesverhältnisse (Wings of the Morning). Im anderen Fall ist es der dunkle Innenraum der Kutsche selbst, der etwa den liebreizenden Anblick von Lana Turner verbirgt (The Three Musketeers).

Auch in George Sidneys Scaramouche ist die Pferdekutsche nicht nur ein Requisit, sondern narratives Motiv und kinematografischer Reflexionsraum zugleich. Es sind eben diese Kutschen, die das erste filmische Zusammentreffen des Protagonisten André Moreau mit den jeweiligen Frauenfiguren markieren. Seine ehemalige Geliebte Lenore und ihren neuen Verlobten überrascht er auf dem Weg zum Traualtar. Er beobachtet sie, dringt in die Kutsche ein und erobert sie zurück. Die Kutsche bleibt in Bewegung, der Pfad zur Liebe bleibt intakt. Das Zusammentreffen mit Aline hingegen wird erst durch einen Defekt und eine Reperatur der Kutsche möglich. Die Pferde stehen still. Ein romantischer Weg scheint blockiert, denn wie sich zeigen wird, handelt es sich bei Aline um die vermeintliche Schwester von André.

Die Pferdekutschen traben aber nicht nur auf den Erzählpfaden voran, sondern bilden ihrerseits abgeschlossene Räume mit spezifischen Schauanordnungen. So erblickt André seine verflossene Liebe nicht etwa durch das Fenster, sondern durch eine kleine Sichtklappe am Ende der Kutsche. Im frontalen Tableau werden nur seine Augen zwischen den beiden Figuren im Wageninneren sichtbar. Sein restlicher Körper bleibt für die diegetischen Figuren und für den Zuschauerraum verborgen, während seine Stimme intervenierend in die Handlung eintritt. Der male gaze durchdringt den (kinematografischen) Raum, welchen er gleichzeitig von Außen über die Lenkung der Pferde dynamisiert.

Scaramouche

Verlässt man nun nach den turbulenten Fahrten die Kutsche, ist man bereits am filmischen Höhepunkt angekommen: dem Ort des Theaters. Durch Ferngläser und Monokel freigestellte Weiblichkeit, die maskierte filmische Männlichkeit und die Theaterbühne, die sich im Kinoraum verdoppelt, konkretisieren die zuvor von den Kutschen aufgerufenen Blickregime. Im Anschluss an den finalen Showdown ist es natürlich wieder eine Kutsche in der wir uns wiederfinden. André und Aline begleiten uns. Der Verdacht der Verwandtschaft hat sich aufgelöst. Nun steht ihrer Liebe folglich nichts mehr im Weg und sie reiten gemeinsam in den Abspann hinein.

Scaramouche, USA 1952, 115’
R: George Sidney
Verleih & Bildrechte: MGM
Sektion: Retrospektive

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