Särtlüschkaiht [Komm, wir machen einen Film]

Zwei Personen, beide im Anzug, der eine mit Schlips; ein Büro mit gerahmten Filmplakaten, entspannte Stimmung. Man ist dabei, einen Film zu entwerfen, der richtig Kasse machen soll, ohne dass man ihm das auf den ersten Blick ansieht.

Mann ohne Schlips: Okay, hier ist der Plot: ein Mann und eine Frau, die seit 15 Jahren geschieden sind, müssen zusammen eine zehnstündige Autofahrt machen, um ihren bei einem Skiunfall verunglückten Sohn abzuholen. Wie wollen wir das inszenieren?
Variante A: im Larry-David-Style: eine/r von beiden ist so neurotisch, dass die Fahrt zur Hölle wird, permanente Pannen und Peinlichkeiten, ob sie je ankommen, ist fraglich. Und auch nicht so wichtig.
Variante B: im Jim-Jarmusch-Style: es wird wenig geredet, man ödet sich an, Blicke und Gesten erzählen mehr als Worte, Atmosphäre und Landschaft stehen im Vordergrund.

Mann mit Schlips: Nix da, wir machen Variante C: die beiden sind erwachsen, haben ihre gescheiterte Beziehung längst geklärt, man tauscht Banalitäten aus. Ein Film für das gleichaltrige Zielpublikum.

Mann ohne Schlips: Pfff, na gut, aber wie besetzen wir das? Mit
A) Valérie Bruni-Tedeschi, einem Nervenbündel, das doch nie über die Trennung hinweggekommen ist, egal wie sie sich zusammen nimmt; oder
B) Matthieu Amalric, der auch einfach mal die Klappe halten kann und bei dem man sich nie ganz sicher sein kann, was er als nächstes macht; oder

Er stockt, da sein Gegenüber so tut, als sei er eingeschlafen und Schnarchgeräusche von sich gibt.

Mann ohne Schlips: Okay, okay, ich seh’ schon, wir nehmen Olivier Gourmet, der hat so ein nettes Knuddelgesicht und lächelt alles weg. Und Marilyn Canto, als Alter Ego der Regisseurin ist sowieso die Sympathiefigur. Und den Sohn besetzen wir mit Adrien Jolivet, den hätten doch alle Eltern gerne selbst als Schwiegersohn.

Mann mit Schlips: Oh, ich freu’ mich schon drauf, das wird schön: keine bösen Worte, keine Probleme, keine bösen Menschen. Ein richtig schöner Film!

Sie prosten sich mit dem vor ihnen stehenden Prosecco zu. Dann rücken sie zusammen und schreiben die Credits auf ein leeres Blatt Papier. Die Kamera fährt darauf zu, es ist zu lesen:

La Tendresse (Zärtlichkeit), B/F/D 2013, 78′
Regie & Buch: Marion Hänsel
mit Marilyn Canto, Olivier Gourmet, Adrien Jolivet
Verleih: Salzgeber, Starttermin: 24.4.2014.

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