Ruhiges Leben – lautes Ende

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John May verdient seinen Lebensunterhalt mit der unumgänglich deprimierenden, aber interessanten Aufgabe, sich als Sachbearbeiter für Beerdigungen um die Todesfälle von Menschen ohne Hinterbliebene zu kümmern. Mit viel Aufmerksamkeit und Hingabe widmet er sich der Suche nach Angehörigen oder Freunden und ist am Ende doch meistens der einzige Trauergast. Trotzdem besteht er auf eine kleine Zeremonie für jeden Einzelnen, sucht dafür immer die passende Musik aus und schreibt sogar Trauerreden über die Menschen, die er höchstens durch hinterlassene Fotos und Briefe kennenlernen konnte. Johns Vorgesetzter hingegen verfolgt eine eher bürokratische Entsorgungsmentalität und sieht den Tod in diesem Zusammenhang als Geschäft, das möglichst effizient strukturiert werden muss. Und weil in Zukunft alles schneller gehen soll, wird Johns Stelle gestrichen. Zügiges Abarbeiten und unsentimentales Unter-die-Erde-Bringen statt ausführlicher Suche und individuell geplanter Bestattungen.

Die Trostlosigkeit der Thematik bestimmt den Film nicht nur inhaltlich, sondern spiegelt sich auch in der Form wider. Die Farbpalette der unterkühlten Bilder besteht aus entsättigtem Blau, Grau und Braun, hier und da taucht etwas Weiß auf, um die klinische Natur der Sache hervorzuheben. Ähnlich eintönig bewegt sich der stille und zurückgezogene John May durch sein ordnungsverliebtes Leben, das in jeder Hinsicht nach einem bestimmten Schema verläuft. Beruflich muss er Tag für Tag die gleichen aussichtslosen Telefonate führen, die gleichen verlassenen Wohnungen aufsuchen und den gleichen einsamen Beerdigungen beiwohnen. Aber auch privat gibt es eine klare Ordnung und Einheitlichkeit, sei es bei den Hemden im Schrank oder der Mahlzeit aus Toast, Thunfisch und Apfel, die täglich auf den fein säuberlich gedeckten Tisch kommt. So nah er den Todesfällen auf der Arbeit versucht zu kommen, so distanziert scheint er von jeglichen anderen Kontakten. Das Fehlen von Familie und Freunden gleicht er aus, indem er sich intensiv um die Beziehungen anderer kümmert. In einem Fotoalbum bewahrt er anstelle persönlicher Erinnerungen die festgehaltenen Momente jener auf, um deren Tod er sich beruflich kümmert und die ansonsten im Müll landen würden. Schnell wird klar, dass diese unnatürliche Verbundenheit zu seinen Fällen ihren Ursprung in der Einsamkeit seines eigenen Daseins hat und dass die gesamte, wenig subtile Inszenierung den Zuschauer gezielt zu einer Schlussfolgerung führen soll: Irgendwann wird Mr. May genauso einsam sterben wie seine Fälle und zu den Akten geschoben werden, ohne dass es wirklich jemanden interessiert.

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Regisseur Uberto Pasolini zeigt diesen strikt geordneten, tristen Alltag mit einer betonten formalen Konsequenz, sei es durch die Farbgebung, die ruhigen Einstellungen oder die Musik. Das funktioniert anfangs noch ganz gut, wird aber irgendwann etwas zu stilisiert und zu offensichtlich. Selbst wenn schon längst klar ist, in welche Richtung sich die Handlung bewegt, wird fleißig weiter ausbuchstabiert bis nichts mehr übrig ist, worüber man sich Gedanken machen könnte. Einzig in kleinen, nebensächlichen Momenten wird diese Schablone durchbrochen und Schauspieler Eddie Marsan darf der Hauptfigur eine gewisse Lebendigkeit einhauchen. Besonders als John bei seinem letzten Fall vor der Entlassung den Schritt heraus aus der gewohnten Routine wagt und während einer kurzen Reise dazu gezwungen ist, neue Dinge auszuprobieren. Aber auch diese kauzigen Momente, die die Beobachtung zumindest ansatzweise auf eine subtilere Ebene rücken, können nicht verhindern, dass am Ende alle interessanten Aspekte und Versuche einer aufrichtigen Erzählung komplett zerstört werden. Auch wenn es sich bis dahin keineswegs um ein Meisterwerk handelt, kann man die schmalzigen letzten zehn Minuten einfach nur als unfassbar schlechte Idee bezeichnen. Die abschließende Szene zielt so eindeutig darauf ab, dass man das Kino trotz der deprimierenden Thematik nicht etwa betrübt, sondern mit einer Träne der Rührung in den Augen und einem versöhnlichen Lächeln auf den Lippen verlässt, dass es fast peinlich ist. Für diejenigen, die sich darauf nicht einlassen wollen, bleibt nur ein unangenehm affektierter Abschied, der ziemlich billig und aufgedrückt daher kommt. Und bei der Umbenennung vom Originaltitel Still Life zum wesentlich plakativeren Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit für den deutschen Markt ging dann scheinbar auch noch der letzte Rest Zurückhaltung verloren.

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Still Life (OT) / Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit, UK/Italien 2013, 92’
Regie & Drehbuch: Uberto Pasolini
Produzenten: Uberto Pasolini, Felix Vossen, Christopher Simon
Kamera: Stefano Falivene
Musik: Rachel Portman
Darsteller: Eddie Marsan, Joanne Froggatt, Karen Drury, Andrew Buchan u.a.
Verleih & Bildrechte: Piffl Medien
Kinostart: 04.09.2014

One Response to “Ruhiges Leben – lautes Ende”

  1. franziska-t

    Ja, das Filmende ist vielleicht das einzige, was man an diesem Film monieren kann. Eddie Marsan ist unglaublich gut und mit seiner minimalisitischen Spielweise trotzdem extrem ausdrucksstark.

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