riverbanks

Der Evros markiert die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei und liegt trotz der großen Gefahren auf einer beliebten Route für Menschen, die aus ihren Heimatländern flüchtend, unbemerkt nach Europa emigrieren wollen. Neben der starken Strömung des Gewässers, ist es das griechische Ufer, welches aus der Zeit des Zypernkonflikts vollständig vermint und dadurch nur schwer zu überwinden ist. Chryssa (Elena Mavridou) arbeitet als Schleuserin für den Drogenboss Levo (Levent Üzümcü), der in Kinderrucksäcken Rauschgift aus der Türkei nach Griechenland schmuggelt. Als sich eines Nachts bei ihrer Tätigkeit ein tragischer Unfall ereignet, trifft sie zum ersten Mal auf Yannis (Andreas Konstantinou), der als Soldat am griechischen Ufer stationiert ist. Dieser Moment ist der Beginn einer Liebe, die Chryssa die Augen öffnen wird, sich aus den Zwängen von Levo zu lösen und gegen seine verachtenswerten Machenschaften Widerstand zu leisten.
A005_C002_0514KW Flüchtlinge, Drogenbosse und eine Romanze zwischen einer Schleuserin und einem labilen Soldaten. Diese drei Thematiken bilden die Säulen, zwischen denen der Film riverbanks versucht, seine Erzählung aufzuspannen. Die einzelnen Themen werden dabei jedoch äußerst oberflächlich behandelt, was sich wiederum auf die Zusammenführung der einzelnen Charaktere und ihre jeweils persönlichen Beweggründe auswirkt. An die Stelle einer tiefgründigen Beschreibung der einzelnen Eckpunkte tritt so lediglich die Erzählung eines emotionalen Liebesdramas.
Yannis hat sich freiwillig bei der griechischen Armee gemeldet, die Minenfelder am Evros aus der Zypernkrise von 1974 zu räumen, da es offenbar das einzige ist, was er wirklich gut beherrscht. Ohne Detektor vermag er es, über die Felder zu wandeln und die Minen ausfindig zu machen und setzt sich und seine Kameraden mit seinen Alleingängen häufig großer Gefahr aus. Leider hinterlässt die Charakterisierung dieses Protagonisten viele Fragezeichen, wodurch man als Zuschauer sein Verhalten nur schwer nachvollziehen kann. Wenn der emotional handelnde Yannis wie fremdgesteuert mit seiner Maschinenpistole ins Minenfeld ballert oder unbedacht hinein läuft und auf einer vermeintlichen Mine zum Stehen kommt, bleiben die Beweggründe des Charakters zunächst undursichtig. Nur die symbolträchtigen Bilder von unschuldigen Kindern, die alleine am Ufer des Evros herumirren und die durch Blut rotgefärbten Blätter nach einer Minendetonation erklären visuell die Herkunft seiner Wut. Die unkommentierte Einblendung dieser grauenvollen Bilder wirkt jedoch, als wolle man die Narration und den Charakter von Yannis lediglich emotionalisieren, da nicht die Ausweglosigkeit dieser Flüchtlingskinder im Vordergrund steht, sondern diese Bilder dafür gezeigt werden, den Zorn eines Protagonisten zu verdeutlichen.
Auch der kurze Einblick in die kriminellen Machenschaften des Schleuser- und Drogenschmugglerrings zu Beginn des Films, der zeigt, wie eine kurdische Flüchtlingsfamilie aus dem Irak, in Istanbul einen Mann bezahlt, der sie getrennt von ihren Kindern nach Europa bringen soll, vernachlässigt die tiefgründige Ausweglosigkeit der Emigranten, die sie dazu bringt, die gefährliche Flucht nach Europa anzutreten.
Im Sinne der Diegesis ist diese Akzentuierung zwar vollkommen legitim, da sich riverbanks inhaltlich eher auf die Menschen konzentriert, die aus dem Leid anderer Profit schlagen wollen und die, die diesen Taten mit Widerstand entgegentreten. Doch die Widmung am Ende des Films, in der sich auf die aktuelle Flüchtlingssituation bezogen wird, suggeriert rückwirkend einen anderen thematischen Schwerpunkt. Primär handelt der Film nämlich nicht von den Hoffnungen der Menschen, die gezwungen sind, ihr Heimatland zu verlassen, um nach Europa zu emigrieren, sondern lässt nur sekundär das Grauen erahnen, mit dem diese Kinder auf ihrer Flucht konfrontiert werden.
A005_C012_051411 Der Blick auf die Erzählstruktur eines anderen gegenwärtigen Spielfilms, dessen Handlung ebenfalls aus der Flüchtlingsthematik entspringt, macht deutlich, dass auch fiktionale Erzählungen, die auf realen Geschehnissen basieren, durchaus ihre Nähe zu den Betroffenen ausdrücken können, ohne dass Leid lediglich in Form einer Außenansicht dargestellt wird, um einen anderen Handlungsstrang voranzutreiben.
Der Film After Spring Comes Fall von Daniel Carsenty, der von einer aus Syrien geflüchteten Frau handelt, die in ihrer Illegalität in einem fremden Land von dem syrischen Sicherheitsdienst missbraucht wird, um Informationen über Oppositionelle in ihrem Heimatland herauszufinden, konzentriert sich in gleicher Weise wie riverbanks nicht primär auf die Hoffnungen und Träume von politischen Flüchtlingen, da hier der Fokus auf der Erzählung eines Geheimdienst-Thrillers liegt. Dennoch wird durch die Narration aus der Sicht einer Emigrantin und dem Einsatz dokumentarischer Bilder ein direkter Bezug zu den Menschen geschaffen, deren Flucht von Todesangst und Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Anstatt als Emotionalisierungsinstanz Leid und Einsamkeit auszustellen, schafft es dieser Film, diese Komponenten als grauenvollen Ursprung der Handlung in die Erzählung zu integrieren, was riverbanks abschließend leider nicht gelingt.

riverbanks, Griechenland 2015, 93′
Regie: Panos Karkanevatos
Drehbuch: Panos Karkanevatos, Isidoros Zourgos
Kamera: Dimitris Katsaitis
Darsteller: Andreas Konstantinou, Elena Mavridou, Levent Üzümcü
Verleih & Bildrechte: Real Fiction Filmverleih e.K.
Starttermin: 19. November 2015

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