Retablo

Retablo ist ein Film, der neugierig macht. Als Nordeuropäer ist man mit dem Begriff „Retablo“ nicht vertraut, zudem ist es eine angenehme Überraschung, in der Que*rschnitt-Reihe des Braunschweig International Film Festivals einen Film aus einem bei einer queeren Thematik doch eher exotischen Landes wie Peru zu entdecken. Ähnlich ungewöhnlich wie sein Titel und seine Herkunft ist auch Retablo selbst.

Im Mittelpunkt steht der junge Segundo, der in der Abgeschiedenheit der peruanischen Berge lebt und stets seinem Vater Noé zur Hand geht. Gemeinsam stellen sie Retablos her, Altarbilder in kleinen, bunt verzierten Schränkchen, auf deren Brettern die liebevoll von Noé in Handarbeit gefertigten Figuren platziert werden. Diese verkaufen sie entweder auf den Märkten oder fertigen sie auf Anfrage für Kirchengemeinden und Familien. Das harmonische Vater-Sohn-Gespann funktioniert reibungslos, Segundo ist voller Bewunderung für die Kunstfertigkeit seines Vaters und freut sich, dass er selbst immer mehr erlernen kann. Er traut sich sogar zu, die anstehenden Bestellungen zum Großteil allein betreuen zu können, was seinen Vater natürlich mit Stolz erfreut. Doch als Segundo auf einer der zahlreichen Reisen in die Stadt entdeckt, dass sich sein geliebter und bewunderter Vater viel mehr zu Männern als zu Frauen hingezogen fühlt, gerät Segundos bis dahin recht glückliche Welt stark ins Wanken.

Zur Ungewöhnlichkeit von Retablo trägt zusätzlich die Perspektive des Filmes bei, denn nicht die homosexuelle Figur selbst steht mit ihren Konflikten im Mittelpunkt, sondern eine ihr nahestehende Figur, die auf ihre Weise wiederum ihre Perspektive überdenkt. Doch Segundos Blick wird nicht nur im metaphorischen, sondern auch sehr oft im wortwörtlichen Sinne eingenommen, der beinahe wie ein Blick durch die Türen eines Retablos auf eine ähnlich wie auf dessen Brettern inszenierte, fein säuberlich aufgebaute Szenerie scheint: Segundo ist stets ganz nah, die Welt um ihn herum ist bunt und schön, Kameraschwenks gibt es kaum, schnelle Schnitte sind noch seltener. Die Betrachter*innen scheinen still zu stehen und zu beobachten.

Zunächst sind es die prächtigen Farben, die die Szenen dominieren, ähnlich bunt und kräftig wie die Verzierungen von Noés gekonntem Pinselstrich, wodurch die Momente der liebevollen Vater-Sohn-Beziehung selbst zunächst wie die idealisierten Retablo-Darstellungen wirken. Die Kraft der Farben weicht erst, als Segundo das Geheimnis seines Vaters entdeckt und sie kehrt nicht mehr zurück, auch nicht, als Segundo einen Weg findet, mit der Homosexualität seines Vaters und den daraus resultierenden Konsequenzen, die die gesamte Familie betreffen, umzugehen.

Retablo bietet eine ganz andere, uns eher fremde Sicht auf das Zusammenspiel von Homosexualität und Gesellschaft, was durchaus Interesse und Neugier weckt, doch bleibt ein eher ernüchternder Eindruck zurück. Hier in Europa fehlt das notwendige Hintergrundwissen, um das Gesehene einzusortieren und zu kontextualisieren, zudem stellt sich die Frage, inwieweit ein Film, der solch eine starke Ablehnung und Homophobie zeigt, im Jahre 2018 wirklich notwendig und angebracht ist. Auch bleiben trotz der physischen Nähe zu ihm viele Facetten von Segundos Konflikt im Verborgenen, ihn scheint mehr zu beschäftigen als einzig die Sexualität seines Vaters. Dennoch überwiegt der Eindruck der schönen, prächtigen Bilder, die in einen Teil der Welt entführen, der leider zu selten auf der großen Leinwand zu sehen ist.

 

32. Filmfest Braunschweig, Sektion: QUE*RSCHNITT: NEUE LGTBQI*-FILME

Retablo, Peru/Norwegen/Deutschland 2018, 101 Min.

Regie:  Àlvaro Delgado-Aparicio L.

Buch: Àlvaro Delgado-Aparicio L., Héctor Gálvez

Kamera: Mario Bassino

Schauspieler: Junior Béjar Roca, Amiel Cayo, Magaly Solier

Verleih: SHPN3 Filmproduktion

 

Vorführungen: 6. 11. 2018, 18:45 Uhr, Universum Filmtheater Braunschweig

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