Reality+

Innerhalb einer futuristisch anmutenden Welt, wo leuchtende Reklametafeln ihre Rezipienten direkt adressieren und die menschliche Optik sich einer digitalen Videospielästhetik angleicht, fügt Vincent seiner Realität ein Plus hinzu. Ein Plus, das sich als Narbe auf seinem Nacken manifestiert.

Coralie Fargeats neuster Kurzfilm Reality+ diskutiert in gewohnten technikutopischen Bahnen die Frage nach Schönheitsidealen im Zeitalter virtueller und scheinbar grenzenlos formbarer Wirklichkeiten. So hat sich Vincent den Chip einen großen kommerziellen Unternehmens einpflanzen lassen, um dadurch sein äußeres Erscheinungsbild und seine Stimme beliebig verändern – beziehungsweise “verbessern” – zu können. Er steht mit diesem Vorgehen auch nicht alleine da. Ganz im Gegenteil scheint sich diese Kulturtechnik innerhalb der diegetischen Welt bereits vollends etabliert zu haben: Die freundliche Verkäuferin aus dem Imbiss um die Ecke sieht plötzlich aus wie ein Fotomodel und der einfache Fabrikarbeiter hat statt dem stereotypischen Maurerdekolleté und dem befleckten Unterhemd eine gestählte Brust und eine makellose Föhnfrisur aufzuweisen.

Reality+

Fargeat inszeniert hiervon ausgehend nun eine Liebesbeziehung zwischen Vincent und der bereits erwähnten Verkäuferin Stella. Die etablierten Narrative des Science Fiction-Genres reproduzierend, verwundert es nicht, dass diese Romanze durch Alptraumfantasien von technischem Pfusch und mitternächtlichem Verschwinden à la Cinderella gekennzeichnet ist. Die Medientechnik scheint als Beziehungsfundament nicht zu genügen, schließlich verliebt man sich ja nicht in die “tatsächliche” Person, sondern in deren imaginierte Projektion. Fargeats Ausweg aus diesem technikphilosophischen Dilemma erscheint dabei reichlich archaisch: Mit der negativen Besetzung technischen Fortschrittsdenkens geht bei ihr gleichzeitig die Rückbesinnung auf die indexikalische, manuell angefertigte Zeichnung einher.

Was inhaltlich als bedrohlicher Technizismus im Laufe der Narration verworfen wird, affirmiert der Film jedoch auf ästhetischer Ebene. Artifizielle Lens Flares, eine subjektive Kamera, deren Sicht durch unzählige PopUp-Fenster geprägt ist und eine digitale Kinematografie, welche sich selbst ausstellt, etablieren eine Vertrautheit mit dem Technischen, die die narrative Perspektivierung konterkariert.
Und so ist Reality+ letztendlich nur ein weiteres der unzähligen Plädoyers, die innere Schönheit über deren technische Aufwertung zu stellen, obwohl der Film beim Erzählen genau auf diese technischen Mittel zurückgreift. Kein Film, der dem Realitätsdiskurs noch etwas Neues aufsummiert.

Sektion: Kurzfilme
Reihe: Geisterfahrer-Effekte
weiterer Termin auf dem Filmfest Braunschweig: 07.11
Reality+, Frankreich 2014, 22′
Regie: Coralie Fargeat
Drehbuch: Coralie Fargeat
Kamera: Philip Lozano
Darsteller: Vincent Colombe, Vanessa Hessler

Diese Kritik ist auf dem 29.Filmfestival Braunschweig im Rahmen des Workshops “Writing of film reviews” von Daniel Kothenschulte entstanden.

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