Radikales Schneegestöber

snowpiercer_poster_1Der Hochgeschwindigkeitszug mit dem wahrhaftig treffenden Namen “Snowpiercer” ist die letzte Bleibe der Menschheit, eine ratternde Arche, die unentwegt um die erfrorene Erde kreist. Das Überleben der letzten Hinterbliebenen ist der Hochtechnologie geschuldet, voran dem surrenden Herzen des Bolliden, einem Perpetuum Mobile, das ihn mit unbegrenzter Energie versorgt. Getrieben von einer faschistoiden Ideologie des Gleichgewichts ist die Klassengesellschaft an Bord einer rigiden Trennung unterworfen: Hinten eingepfercht hausen unter katastrophalen Bedingungen die Armen, während sich in den vorderen Abteilen die Bonzen im Luxus suhlen. Letztere versuchen mit drastischen Methoden dafür zu sorgen, dass dies so bleibt, ahnen jedoch nichts von den Revolutionsplänen der Unterjochten. Deren Ziel ist die Inbesitznahme der geheiligten “Engine” im Cockpit des Zuges. Denn wer sich dieser ermächtigt, der kontrolliert die Welt.

snowpiercer_still2Die Dystopie vom Umkehrversuch der Erderwärmung mittels der Substanz CW7, die die Eiszeit einläutete, ist hier weniger das Thema, als der Mensch und sein Verhalten innerhalb dieser ultraprekären Status quo. Jeder scheint so zu handeln, wie er in solch einer Situation zu tun gezwungen ist. Anflüge von der Erzähllogik einer griechischen Tragödie werden jedoch unentwegt von sadistischen Bestrafungsritualen und Massenerschießungen durch amüsiert lächelnde Todesschützen der Upperclass unterwandert. Der endgültige Ausbruch der Auflehnung gegen diese Sadisten ist dann der Moment, in dem die brutale Dekadenz der ersten Klasse endgültig und auf zynische Weise entlarvt wird: Dampfbad, Disco und Gewächshaus ergeben aneinandergeschaltet eine lineare Raumsphäre, die so gar nicht den Odem des reinen Überlebenskampfes verströmt. Optisch faszinieren diese Settings durchweg: Bong Joon-Hos Meisterwerk brilliert durch eine famos ausgestaltete Innenarchitektur des Zuges. Das mal schrille, mal düstere Interieur findet sein passendes Gegenstück in den gewollt karikativen und comichaft überzeichneten Charakteren – wen wundert es, basiert der Streifen doch auf der französischen 80er Jahre Graphic Novel “Transperceneige”.

Snowpiercer trailer 5Dies unterstreichend ist der Gewaltmarsch durch die Waggons als martialische Schlachtplatte serviert. Revoltenanführer Curtis (Chris Evans) ist jedoch keineswegs als Held gezeichnet und wird über die Spielzeit hinweg förmlich in seine Bestandteile dekonstruiert und mit horrenden Taten belastet. Dieses erzählerische Selbstbewusstsein ist eine der primären Qualitäten des Films. Denn Snowpiercer ist mehr als eine bloße Materialschlacht, in der Dutzende mit Äxten und Speeren aufeinander losgehen und Blutspritzer die Wände besudeln. Jeder Wagon erzählt seine eigene Geschichte, ohne jedoch, dass der Film zum Stückwerk verkommen würde.

snowpiercerSzenen wie Sushi essen in einem gewaltigen Aquariumtunnel, grausige Reminiszenzen von notgetriebenen Kannibalismen mit langen Closeups vom zerheulten Gesicht des Erzählers und ein schmerzhaft bunt ausgekleideter Grundschulwagen, in dem Kinder eine Snowpiercer-Hymne zum Besten geben, strukturieren jene diegetische Schleuse qua Lineargeometrie des Zuges und machen den Film zu einer visuellen Entdeckungsreise. Die Kamera arbeitet dabei stets in ihrem Möglichkeitsspektrum: Wandernde Unschärfen lotsen die Grenzen der stählernen Container aus und gefühlt jeder dort mögliche Einstellungswinkel findet einen Platz. Die parallel geschaltete Kinetik der Bewegungsmodi inner- sowie außerhalb des Zuges ist in ihrer inszenatorischen Konstellation die Treibladung dieser knüppelharten Tour de Force.

Snowpiercer (OT: Seolguk-yeolcha), Südkorea/Frankreich/Tschechoslowakei/USA 2013, 126′
Regie & Drehbuch: Bong Joon-Ho
Kamera: Alex Hong Kyung-Pyo
Darsteller: Chris Evans, Jamie Bell, Tilda Swinton, Ed Harris
Verleih: MFA
Kinostart: 03.04.2014

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