Mit siebzehn

Sektion: Wettbewerb / R: André Téchiné / F 2016
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Erneut erzählt André Téchiné (diesmal gemeinsam mit Céline Sciamma) eine Geschichte über die erste Jugendliebe – und das ziemlich altbacken: In Mit siebzehn (OT: Quand on a 17 ans) fungiert Thomas dabei als Dieb der Nacht und raubt seinem Klassenkameraden Damien (und gelegentlich auch dessen Mutter Marianne) den Schlaf. Der eine ein adoptierter Landbursche, der andere ein wohlbehütet aufgewachsener Streber. Beide bringen ihre wilden Herzen zunächst nur über Schlägereien auf dem Schulhof zum Ausdruck. Ihr Beziehungsdreieck wird erst durch Marianne, selbsternannter Königin der Trigonometrie, komplettiert: Wenn sie nicht als Landärztin arbeitet oder ihren roten Büstenhalter in die Webcam hält, erweist sie ihrer sakralen Namensetymologie größte Ehre, indem sie als blonde Heilige auftritt und Thomas bei sich aufnimmt, um dessen schulische Leistungen zu verbessern. Gleichzeitig verschiebt sie somit auch die Beziehung zwischen ihrem Sohn und dessen Mitschüler von Blut- hin zum Samenerguss.

Diese Verschiebung kommt jedoch keinesfalls unerwartet. Beginnt Mit siebzehn zwar mit rasanten Fahrten, so wird das Publikum weder abgehängt, noch im Windschatten belassen, sondern behält gegenüber dem Film einen konsequenten Vorsprung. Damiens artikuliertes Begehren, ebenso wie das recht unsensibel inszenierte Coming-out gegenüber seiner Mutter blitzen somit bereits in den farbenfrohen Reflexionen seines formelhaften Ohrrings hindurch. Das Problematische liegt nicht darin, dass es der filmischen Narration an jugendlicher Impulshaftigkeit mangelt, sondern dass sie vielmehr in eine antiquierte Ordnung eingegliedert ist. So unterwirft sie sich über die Einteilung in Trimestern einer Ökonomie der Zeit, innerhalb dessen der patriarchale Blick die strukturgebende Konstante bleibt. Physisch meist abwesend, aber über Bilderrahmen und Computerdisplays doch omnipräsent, unterliegt die Handlung einem väterlichen, und im speziellen Fall von Mit siebzehn auch einem militärische Blick. Das führt dazu, dass auf Zungenküsse zunächst noch mit Kieferbrüchen geantwortet wird. Erst als das väterliche Auge sich nicht mehr öffnen wird, darf der Film den so lange angekündigten sexuellen Akt – reichlich verspätet – gestatten. Den postkoloniale Zaunwink, der innerhalb dieses militärischen Kontext der Soldatenkinder eingelassen ist, ignoriert der Film jedoch gänzlich. Leider!

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In jenen Augenblicke nämlich, wo die Dominanz von Sexualität und Gewalt im jugendlichen Alltag negiert wird und sich unterschiedliche Lebenswelten vermengen, behält der Film, wenn auch nur partiell, noch seine eigene Adoleszenz bei: Bergaussichten bleiben als solche kulissenhaft und gewinnen keine homoerotische Brokeback Mountain-KonnotationFunktion. Erregte Internetbekanntschaften weichen dem Stöhnen gemolkener Kühe und einem agrarwissenschaftlichen Fachgespräch. Und Jugendliche kommunizieren nicht länger mit bedeutungsschwangeren T-Shirt Beschriftungen („My Dream is alive“), sondern greifen auf Platon- und Lessingzitate zurück um sich anzubaggern und Körbe zu erteilen. Zumindest in diesen raren Momenten hat Téchiné auch im Alter von 72 noch nicht endgültig vergessen, wie das Leben mit 17 Jahren so spielt.

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