Procedere: (DOK Leipzig)

Von Andrea Abeln

Besonders in Erinnerung während und nach des Dokumentar- und Animationsfilmfestivals in Leipzig blieb mir der 6-minütige Kurzfilm Procedere: von Delia Schiltknecht. Da dieser zusammen mit der Dokumentation Wie die anderen, welche sich mit einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in Österreich beschäftigt, gezeigt wurde, ließ sich das grobe Thema des Kurzfilms bereits erahnen. Genauer unternimmt Procedere: einen Versuch, Zwangserkrankungen und Depressionen auf verschiedenen Ebenen darzustellen. Auf Grundlage von laut der Regisseurin aus einem Archiv stammenden Tagebucheinträgen einer an Zwangsstörungen erkrankten Person wird versucht, dem Zuschauer dessen Gedanken- und Gefühlswelt nahezubringen. Neben vielen Schnitten, Schwarz-Weiß-Aufnahmen von verwischten Gesichtern und Naturbildern, sowie animierten Figuren sind auf der Tonebene geflüsterte Sätze aus dem Tagebuch zu hören. Diese sprechen von negativ behafteten Bildern, welche aus den Gedanken zu verbannen sind, sowie immer wieder vom Begriff „Zoloft“, welcher ein im Rahmen der Behandlung der Erkrankung verabreichtes Medikament meint, wie die Regisseurin im Anschluss erklärt.

Der erste Eindruck beim Anblick der Bilder in Kombination mit den gesprochenen Sätzen bewirkte bei mir recht polarisierende Assoziationen zwischen „platt umgesetzt“ und dennoch „too much“. Fast schon rhythmisch geflüsterte und dennoch auffordernde Sätze und die immer und immer wieder auffallende Nennung des Wortes „Zoloft“ bringen schon eine gewisse Dramatik in die Situation, erscheinen jedoch als nicht sonderlich kreative Umsetzung eines Tagebucheintrages, bzw. innerlich wahrgenommener Stimmen. Vor dem Hintergrund, dass die Anonymität der Beteiligten gewahrt werden soll, ist auch das Einbringen farbloser Aufnahmen von Personen, deren Gesichter schlichtweg verwischt und somit nicht erkennbar sind, nicht unbedingt eine einfallsreiche Variante. Sicherlich weckt dies auch Assoziationen wie das Verlieren von Identität und die Flucht vor den eigenen Gedanken bzw. dem Selbst, jedoch scheint dies schon fast zu offensichtlich und gerade bei einem solch komplexen, individuellen Thema wäre doch etwas mehr Tiefgang wünschenswert.

Leider konnte auch (wie es so oft der Fall ist) die anschließende Besprechung von Procedere: keine schließliche Überzeugungsarbeit für den Kurzfilm leisten. Die Herkunft des Materials und die Aufklärung über den Medikamentennamen bestätigten eher den Eindruck der recht platten Umsetzung. Auch die eher zögerlichen Antworten zur Entstehung des Films und Sätze wie „Hat sich irgendwie so ergeben“ in Bezug auf die Frage nach der Anwendung von Animationen waren kaum zufriedenstellend, gerade vor dem Hintergrund dass Procedere: als Abschlussarbeit des Studiums der Regisseurin eingereicht wurde.
Obgleich grundsätzlich nicht vor einem solchen Thema zurückgeschreckt werden sollte und die Darstellung psychischer Erkrankungen helfen kann, die Stigmatisierung und Tabuisierung dieser zu vermindern, kann dies auch in die gegensätzliche Richtung gehen. Mir erscheint dies eher als eine überdramatisierende und stereotype Darstellung, die zudem keinen sonderlich durchdachten Eindruck macht. Ob die „Freunde, die an Zwangserkrankungen leiden“ der sich schließlich zu Wort meldenden Zuschauerin diesen Kurzfilm tatsächlich so positiv aufnehmen, wie sie vermutete, und ihn nicht eher als fast schon anmaßende Umsetzung eines individuellen und komplexen Themas betiteln würden, bleibt fraglich.

Sektion: Internationaler Wettbewerb Kurzfilm
Schweiz 2015, 6’
R: Delia Schiltknecht

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