Pre-Crime

Die Zukunft ist hier – die Überwachung ist real – unsere Daten sind in den Händen von Behörden – all das und noch mehr wissen wir als informiertes Publikum spätestens seit den Enthüllungen durch Edward Snowden. Trotzdem ist es immer wieder der Fall, dass wir von einzelnen Aspekten und Ausformungen der Kontrollgesellschaft überrascht werden, insbesondere, was für Big Data und Algorithmen für neue Möglichkeiten eröffnen. Pre-Crime gehört in diese Kategorie. In dem Dokumentarfilm unter der Regie von Monika Hielscher und Matthias Heeder geht es um das so genannte Predictive Policing, unter diesem Begriff werden eine Reihe verschiedener Praktiken, Techniken und Verfahren zusammengefasst, die es ermöglichen Straftaten, Täter_innen und Tatorte statistisch vorauszusagen. Damit beeinflussen und unterstützen die Prognosen die Polizeiarbeit, gleichzeitig werden durch diese Technologien auch Definitionen, Regeln und Bestimmungen gefestigt: was erscheint auf den Bildschirmen als Verbrechen und wer bestimmt, was Gefahr ist und für wen? Wer programmiert die Software, wer legt die Bildausschnitte fest?

Pre-Crime

Pre-Crime gehört zu den Dokumentarfilmen, der sich von der visuell Aufmachung und narrativen Elementen am Kanon des Science Fiction orientieren. Das auf der Homepage selbst Pre-Crime  mit Verweis auf Minority Report beworben wird, dem dystopischen Film von Spielberg, welcher wiederum auf der gleichnamigen Philip K. Dick Erzählung basiert, passt daher gut ins Konzept. Diese Verknüpfung zu fantastisch anmutenden Technologien ist leider dabei gleichzeitig eine Schwäche und Stärke des Filmes. Auf der einen Seite können so viele Bilder, Ideen und Vorstellungen abgeholt werden, die bereits in unserem kulturellen Verständnis vorherrschen. Sei es die allwissende künstliche Intelligenz, die Berechnung der Zukunft oder die Kontrolle von Menschen durch allgegenwärtige Überwachung. Dass dabei starke Parallelen zur Optik des Videospiel Watch Dogs gezogen werden, in dem wir ein Hacker steuern, der im fiktiven Chicago in Computernetze eindringt, wäre ein weiteres Beispiel für die popkulturellen Verweise.

Pre-Crime

Die sich wiederholenden Bezüge führen leider dazu, dass Pre-Crime an vielen Stellen optisch überladen, undurchsichtig, verwirrend und einseitig erscheint – die sprunghafte Erzählung, in der verschiedene Sprecher_innen über eingesetzte Systeme in Deutschland, England, Frankreich und der USA berichten, trägt dazu bei. An einigen Stellen erscheint es darüber hinaus, als würden Argumente durch geeignete Ausleuchtung und Präsentation der Personen ersetzt. Dabei sind die geführten Interviews mit Sicherheitsexpert_innen, Überwachungsforscher_innen, Polizist_innen und Betroffenen des Predictive Policing allesamt spannend. Während ein US-amerikanischer Polizeichef begeistert von den Möglichkeiten der Voraussage durch Computer berichtet, können wir praktisch die Technik gewordene Euphorie von den Lippen ablesen. Die Erzählungen der Betroffenen lassen dahingegen uns unsere eigene als fest gehoffte Sicherheit und Freiheit hinterfragen. Als dann auch einer der Entwickler hinter „Watch Dogs“ zu Wort kommt schließt sich der popkulturelle Kreis.

In diesen Momenten funktioniert der Film, aber er lässt den Zuschauer_innen keine Zeit die unterschiedlichen Positionen zu verarbeiten, sondern möchte mehr – aber leider nicht mehr Details. Intensiver wäre es womöglich gewesen nur die Hälfte des Umfangs zu zeigen, aber mit mehr Tiefe und Pausen, damit die eigenen Gedanken aufholen können. So versucht der Film eine Spannung und Überwältigung aufzubauen, die weder notwendig, noch hilfreich ist – am Ende fühlt sich Pre-Crime zu sehr nach Science Fiction an, zu wenig nach unserer Welt. Teilweise ist dies nicht Schuld des Filmes, der betont, dass viele der genutzten Algorithmen nicht untersucht werden dürfen, weil sie Eigentum und verschlossen sind und diese Undurchdringlichkeit als Leerstelle übrig bleiben muss. Trotz dieses Problems hätten die Filmemacher_innen mehr dafür tun können, dass der Film stärker die Positionen differenziert und mehr in die Tief geht. So bleiben am Ende trotz der Eindrücke viele Fragen offen, nicht nur  „Warum gibt es keinen Algorithmus, der Wirtschaftskriminelle findet?“

Empfehlen lässt sich Pre-Crime daher einerseits als Film für Interessierte, die sich noch nicht näher mit dem Thema befasst haben, aber die Implikationen von algorithmischer Kontrolle und Big Data nachvollziehen können. Anderseits kann der Film für einen pädagogischen Ansatz genutzt werden, als ein eröffnendes Beispiel, der die Diskussion entfachten kann, wie wir mit den bereits geschaffenen Tatsachen des Predictive Policing umgehen können, sei es politisch, gesellschaftlich oder juristisch. Pre-Crime ist keine dystopische Vision, sondern eine – verkürzte und teilweise einseitige – Darstellung, auch wenn der Film diese Grenze manchmal etwas unscharf erscheinen lässt. Diesen Umstand allein macht den Film trotz seiner Mängel sehenswert und in seinen Implikationen auch erschreckend.

 

Pre-Crime, Deutschland 2017, 88 Min.

Regie und Buch: Monika Hielscher und Matthias Heeder

Produzent: Stefan Kloos

Kamera: Sebastian Bäumler

Schnitt: Christoph Senn

Musik: Paradox Paradise / John Gürtler, Jan Miserre, Lars Voges

Verleih und Bildrechte: Rise and Shine Cinema

Kinostart: 12.10.2017

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