Portrait: Miguel Gomes

migues gomesDer portugiesische Regisseur Miguel Gomes wurde bereits 2008 mit seinem zweiten Spielfilm Our Beloved Month of August zum Liebling der Cinephilen-Gemeinde. Sein neuer Film Tabu, der auch bei der Berlinale 2012 ausgezeichnet wurde, bildet den Abschluss der vierten Staffel unserer Filmreihe CINEMATHEK. Der Film ist am kommenden Montag, den 21.01.2013, um 19 Uhr im Universum Filmtheater zu sehen. Das allein ist Anlass genug, Gomes’ bisheriges Gesamtwerk genauer zu betrachten und sich die Frage zu stellen, was ihn zu einem so wichtigen und besonderen Regisseur macht.

Miguel Gomes wurde 1972 in Lissabon geboren und studierte später Produktion an der dortigen Filmhochschule. Allerdings setzte bei ihm schnell Langeweile ein und weil er nach eigener Aussage auch kein besonders guter Produzent war, kam er schließlich zur Arbeit als Filmkritiker bei einer Tageszeitung. Das hielt er vier bis fünf Jahre lang durch, bis die Pflicht, Filme zu sehen und über sie zu schreiben zur Last wurde und ihn nur noch deprimierte. Die Konsequenz für Gomes: er begann, eigene Filme zu drehen und erlangte dadurch ein Stück Freiheit zurück, die er als Kritiker vermisste. Viele seiner eigenen Kurzfilme betrachtet Gomes rückblickend eher skeptisch – seinen ersten Film Meanwhile (Entretanto, 1999) bezeichnet er in einem Interview mit CARGO beispielsweise als „poetical kind of bullshit“ und nennt ihn seinen schlechtesten Film überhaupt. Besser gefallen ihm selbst die Kurzfilme, in denen hauptsächlich improvisiert wurde und das ursprüngliche Skript kaum noch Beachtung fand. Besondere Momente dieser Art gibt es in Christmas Inventory (Inventário de natal, 2002), bei dem die zahlreichen Kinder am Set natürliche Reaktionen der erwachsenen Schauspieler herausforderten. Es erscheint ihm interessanter, spontane Momente einzufangen und lediglich die Bedingungen zu schaffen für das, was in der Einstellung passiert, ohne vollständige Kontrolle darüber zu haben.

3565Sein erster Langfilm The Face You Deserve (A cara que mereces, 2004) wurde von den meisten Festivals abgelehnt und fand auch unter Kritikern wenig Beachtung. Der Titel basiert auf einem portugiesischen Sprichwort, das dem Film vorangestellt wird und sich wie folgt übersetzen lässt: „Up to your thirties you have the face god has given you. After that you get the face you deserve.“ Was die exzentrischen Kurzfilme schon andeuteten, wird hier auf eine neue Spitze getrieben und bestätigt nicht nur die Unberechenbarkeit, von der Gomes’ Filme geprägt sind, sondern auch eine selten gesehene Form von Freiheit. Er hält sich nicht an Regeln und lässt Verspieltes mühelos neben Ernsthaftigkeit existieren, ohne sich um eine Form von klarem Realismus zu bemühen. The Face You Deserve erzählt zunächst aus dem Leben eines Mannes, der angesichts seines 30. Geburtstages in einer Sinnkrise steckt und Angst vorm Älterwerden hat. Bestehend aus zwei Teilen soll Kino mit Kindheit verbunden werden, wobei der erste von Musical-ähnlichen Gesangseinlagen und Karnevalskostümen geprägt ist, während sich der zweite Teil bei den sieben Zwergen aus Schneewittchen bedient und kaum noch realistische Ansätze bietet.

Nachdem dann der Kurzfilm Canticle of all Creatures (Cantico de criaturas, 2006) bei einigen Festivals Beachtung fand, stellt sein zweiter Spielfilm Our Beloved Month of August (Aquele querido mês de Agosto, 2008) einen Wendepunkt in Gomes’ Karriere dar. Nach der Premiere im Rahmen der Quinzaine des Réalisateurs bei den Filmfestspielen in Cannes war der Film auf zahlreichen Festivals zu sehen, wurde mehrfach ausgezeichnet und machte den jungen Filmemacher schließlich zum Cinephilen-Liebling. Eingebettet in schmalzige portugiesische Schlagersongs ourbelovedmonthofaugustwird Dokumentarisches mit Fiktionalem vermischt, ohne je klare Grenzen zu definieren. Zunächst wirkt er wie eine Liebeserklärung an das ländliche Portugal und beschäftigt sich mit mehreren Geschichten der Bewohner rund um das Dorf Arganil. Gerade, wenn man sich an den dokumentarischen Charakter gewöhnt hat, ändert sich die Erzählung ins Fiktionale. Was als das eine beginnt, wird ganz unaufdringlich zum anderen. Es ist ein Übergang, den man zunächst nicht bemerkt, bis man sich irgendwann inmitten der Geschichte wiederfindet und sich fragt, wann man den entscheidenden Schritt verpasst hat. Diese natürliche Entwicklung der Geschichte aus der gelebten Realität heraus funktioniert erstaunlich gut und schafft eine besondere Form von Intimität, die bei einer rein fiktionalen Erzählung vielleicht fehlen würde. Durch ein Spiel mit Altem und Bekanntem wird letztendlich fast unbemerkt etwas völlig Neues und Einzigartiges geschaffen.

miguel_gomes_vorher_kater_tabu_stadtkino20121103185952Mit seinem dritten Spielfilm Tabu, der im vergangenen Jahr im Wettbewerb der Berlinale Weltpremiere hatte, geht Gomes nun in eine andere Richtung, bleibt sich aber in vielerlei Hinsicht treu. Der Film wirkt ruhiger und melancholischer, die Exzentrik der Kurzfilme taucht nur noch in der Figur einer alternden Diva auf. Gleichzeitig nimmt er sich dieselben Freiheiten heraus wie zuvor und kombiniert Nostalgie, koloniales Afrika, Musik zwischen Pop und Schlager, schwarzweiß, Stummfilmelemente und sogar ein bisschen Geistergeschichte miteinander. Wie bereits The Face You Deserve ist auch Tabu klar in zwei Teile strukturiert: Das verlorene Paradies und Paradies. Der erste Teil erzählt die Geschichte einer sterbenden alten Frau namens Aurora, deren Leben von Einsamkeit und Verfolgungswahn geprägt ist. Mit ihrem Tod beginnt der zweite Teil, der sich in jeder Hinsicht vom ersten ablöst. Auroras ehemaliger Liebhaber erzählt die Geschichte ihrer gemeinsamen Vergangenheit im kolonialen Afrika der frühen 60er Jahre. Zu hören sind nur die Stimme aus dem Off und Umgebungsgeräusche der Natur, alle Figuren selbst bleiben stumm. Es werden Briefe vorgelesen und Gespräche nacherzählt, aber nie von den Personen, die im TabuBild zu sehen sind. Das Verstummen gibt die Charakteristika des Gedächtnisses auf eine so ehrliche und passende Weise wieder, wie es im Kino sonst selten passiert. Die Form der Inszenierung formuliert durch deutliche Auslassungen und ein partielles Vergessen prägende Merkmale einer Erzählung längst vergangener Erinnerungen.

Tabu hebt sich in seiner Machart und auch thematisch auf den ersten Blick von den vorigen Filmen des Regisseurs ab und doch gibt es einzelne Elemente, die immer wieder auftauchen und eine deutliche Handschrift prägen. So ist das Verhältnis von Bild und Ton und vor allem der Einsatz von Musik und Gesang in allen Filmen von besonderer Bedeutung. Die musikalischen Momente werden immer bewusst inszeniert, sodass sie nicht als reine Begleitung der Erzählung dienen, sondern für sich stehen und sich abheben. Man könnte auch sagen, dass die Verbindung aller Filme genau in ihrer Unterschiedlichkeit liegt. Sie sind geprägt von einem innovativen, riskanten Charakter, der sich nicht auf das verlässt, was schon da war, sondern eher filmgeschichtliche Bezüge nimmt, um daraus etwas völlig Neues zu formen. So unterschiedlich seine Filme auch sein mögen, sie alle haben die Gemeinsamkeit eines Dazwischen, eines Daseins zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem, zwischen Spielereien und Ernsthaftigkeit, zwischen Realismus und märchenhaften Fantasien. Kino ist für Miguel Gomes ein Spiel und er spielt es anders als der Rest.

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