Picco

Filmfest Braunschweig
Regie: Philip Koch / Deutschland 2010 / 105′

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Was man über die Zuschauerreaktionen bei Screenings von Picco liest, geht immer in eine ähnliche Richtung: von irritiert über schockiert bis zum frühzeitigen Verlassen des Saals ist alles dabei. Auch von so manchem Filmfest-Besucher kamen Bemerkungen wie “Den Film kann man sich nur einmal anschauen!” oder “Das hält man nicht bis zum Ende aus!” Ich entschied mich dazu, den Film trotzdem (oder gerade deshalb?) zu sehen. Und das war eine gute Entscheidung.
Basierend auf wahren Begebenheiten wird die Situation in einem deutschen Jugendknast geschildert. Der wahre Vorfall lässt sich leicht identifizieren: 2006 wurde ein 20jähriger Insasse der JVA Siegburg von seinen etwa gleichaltrigen Mitgefangenen brutal gefoltert, vergewaltigt und schließlich erhängt. Ein Verbrechen, das die eigene Vorstellungskraft zunächst übersteigt. Regisseur Philip Koch gelingt es in seinem ersten Langspielfilm (gleichzeitig sein Abschlussfilm an der HFF München) dennoch, das unvorstellbar Grausame zu visualisieren. Seine Darstellung der Ereignisse beschränkt sich nicht auf den berüchtigten Vorfall selbst, sondern zeigt vielmehr die Entwicklung dorthin. Das finale Verbrechen ist dann eher logische Konsequenz als voyeuristische Darstellung eines Gewaltaktes.

Kevin ist der Neue im Knast und wird deshalb, wie alle Neuzugänge, “Picco” genannt. An seinem Beispiel wird demonstriert, dass es die Neuen nicht gerade leicht haben und viel aushalten müssen. Hinzu kommt, dass Kevin ein eher sensibler und ruhiger Charakter ist, der zu Beginn noch als Identifikationsfigur dient. Relativ schnell wird aber klar, dass es sich hierbei nicht um die typische Hauptfigur handelt, sondern exemplarisch die Entwicklung eines einzelnen Insassen beschrieben wird, die so oder so ähnlich auch bei allen anderen stattfand. Während die erste Hälfte des Films noch verhältnismäßig harmlos verläuft, baut sich in der zweiten Hälfte eine immer größere Spannung auf, die in den letzten 30 Minuten ihren Höhepunkt findet. Die Situation nimmt eine entscheidende Wendung und plötzlich verlagert sich die Opferrolle von Kevin auf einen seiner Mitgefangenen.
Besonders bemerkenswert ist dabei die Verdichtung, die sich nach und nach vollzieht. Anfangs behandelt der Film eher die Gesamtsituation im Gefängnis und zentriert sich dann immer mehr auf die Vierer-Zelle, die schließlich als einziger Handlungsort für die aufwühlende letzte halbe Stunde fungiert. Die Bilder sind dabei atmosphärisch perfekt gewählt. Eingetaucht in eine Mischung aus Grau, Grün und Blau entsteht ein sehr blasser und schmutziger Eindruck, die Kälte und Trostlosigkeit sind förmlich zu spüren. Dabei hält die Kamera immer auch Leerstellen fest, die zeigen, dass eigentlich nicht viel los ist im Knast. Jeder Tag bringt die gleichen Gesichter, die gleichen Situationen, die gleichen Handlungsabläufe. Und zwischendrin Bilder vom leeren Flur, von der Fensterfassade oder vom Hof. Abgerundet wird dieser Gesamteindruck durch die gänzlich fehlende Hintergrundmusik. Das schließt hoffnungsvolle Momente, die üblicherweise häufig von Musik untermalt werden, kategorisch aus. Dieser Vorfall, diese Geschichte bietet keine Momente der Hoffnung, deshalb ist es nur konsequent, dass Philip Koch seinen Figuren keine Hoffnung einschreibt. Obwohl auch er einige Klischees scheinbar nicht vermeiden konnte, sei es die Freundin, die natürlich mit Neugeborenem draußen wartet oder die stellenweise etwas schwachen Gespräche der Jugendlichen.
Aber in einigen Dialogen stecken auch die wesentlichen Aussagen des Films über das System, besonders in Bezug auf den Umgang mit jugendlichen Straftätern. Die Insassen scheinen sich mehr als bewusst darüber zu sein, dass sie draußen auf wenig “Resozialisierung” hoffen dürfen. “Keine Sau da draußen interessiert es, ob du wegen Raub, Drogen oder Mord hier drin bist oder wie lange. Du hast verkackt.” Die Kritik am deutschen Jugendknast ist überdeutlich, rutscht aber nie in die Kategorie des moralischen Zeigefingers ab. Besonders die Unfähigkeit oder Überforderung der Verantwortlichen wird in Frage gestellt. Sie bemerken den menschlichen Verfall der einzelnen Individuen zwar, scheinen aber die erwartete Hilfe nicht leisten zu können.

Wenn ich im Nachhinein an die Zuschauerreaktionen denke, frage ich mich, ob tatsächlich so viele Menschen scheinbar blind durch die Welt laufen und über derartige Vorfälle wirklich überrascht sind oder ob sie einfach keine Lust haben, sich mit unangenehmen Themen auseinanderzusetzen. Vielleicht ist das Abschreckende für viele auch, dass sich Koch in seinem Film eben nicht auf die reine Gewaltdarstellung beschränkt, sondern mit sezierendem Blick den Weg dorthin nachzeichnet. Hinter dem Akt der Gewalt steht die Mentalität des Systems, kriminelle Jugendliche in ihrer Unfertigkeit erstmal aus dem Verkehr zu ziehen und dann wird sich das schon erledigen. Picco ist der gelungene und mutige Versuch eines Gegenbeweises – dafür, dass dieses System oft der erste Schritt in Richtung Abgrund ist. Und ich behaupte hier einfach mal: das ließe sich auf eine andere, nicht ganz so schonungslose Weise gar nicht darstellen.

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