Phoenix: Geschichte in Ableitungen

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Phoenix ist auch ein Heimkehrer-Film. Nelly kommt aus dem KZ zurück nach Berlin, wo sie sich zurechtfinden muss, zwischen Ankunft und Weiterfahrt nach Palästina, Vergebung und Hass, Rekonstruktion und Neuanfang. Aber diese Positionen werden von Petzold nur kurz angetippt. Zum Glück, denn es handelt sich dabei um Positionen, die von außen an Heimkehrende, an Überlebende gerichtet werden. Die individuelle Position ist meist komplexer.
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Deswegen ist Phoenix auf der narrativen Ebene auch eine Identitätssuche. Nelly kehrt entstellt zurück, die tödliche Kugel im Lager hat sie verfehlt, aber ihr Gesicht zerstört. Der Chirurg kann sie nicht ganz so wieder herrichten, wie sie mal ausgesehen hat, man erkennt sie nicht mehr auf den ersten Blick. Aber auch dieser Plot wird – glücklicherweise auch hier – nur anerzählt. Denn die Suche kulminiert nicht in identitätsstiftender Findung und damit einhergehender Übertragung von Emotionen. Nelly bleibt den Film über neben sich stehen. Es geht nicht darum, Emotionen zu konstruieren, damit Zuschauer_innen sie nachfühlen können, das verbietet sich bei dem Thema sowieso. (Und das hat nichts zu tun mit einem Gegensatz von Fiktion versus Dokumentation, sondern mit Anschauung versus Vermittlung durch Emotionen. Der Unterschied von Lanzmanns Shoa zu Spielbergs Schindlers Liste ist genau das: Lanzmann selbst bezeichnet seinen Film nicht als Dokumentation, aber dort werden die Tatsachen geschildert und zur Anhörung gebracht, wohingegen Spielberg die Zuschauer_innen zwingen möchte, emotional zu reagieren.)
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Und das ist auch der Grund für die dritte narrative Entscheidung, die zugleich eine strukturalistische ist. Nelly sucht ihren Mann Johnny. Als sie ihn findet, erkennt er sie nicht. Aber er bemerkt die Ähnlichkeit und möchte sie benutzen, um seine Frau wieder zu rekonstruieren, um an ihr Erbe zu kommen. Nelly gibt sich ihm nicht zu erkennen und verbringt einige Tage mit ihm, in denen er versucht, sie an die Nelly, die er kannte und die er inzwischen für tot hält, anzugleichen. Vertigo rückwärts. Aber auch hier ruht sich der Film nicht aus, der sich am besten über das schildern lässt, was er zum Glück nicht ist. Denn Nelly »lernt« viel zu schnell. Und Johnny merkt das auch, lässt sich aber nichts anmerken. Und so weiß man nicht mehr, wer was weiß und was spielt. Johnny redet zur alten Nelly durch die neue Nelly, der er etwas aus ihrem früheren Leben erzählt. Und von hier ist es nur ein kurzer Schritt durch die Figuren hindurch zu Ronald Zehrfeld und Nina Hoss, die sich unterhalten. Den positiven Effekt, den das hervorbringt, ist am besten in der Szene zu sehen, in der Nelly sagt, dass man ihr ihre Geschichte doch nicht glauben wird, sie müsse doch auch was aus dem Lager erzählen, wenn sie »diese« Nelly glaubhaft darstellen soll. Und so beginnt sie stotternd und zögernd eine Episode zu erzählen, wie sie sich zugetragen haben könnte (Konjunktiv, denn sie spielt für Johnny ja eine Frau, die nicht im Lager war, greift dabei aber auf ihre Erfahrung zurück, die sie als die echte Nelly, die sie spielen soll, im Lager gemacht hat). Johnny kann damit aber nicht umgehen, er ist verdattert und verlässt den Raum, weil er das nicht hören will, weil das in Deutschland niemand hören möchte. Nicht die Authentizität des Erlebten steht hier im Vordergrund, sondern der Versuch, darüber zu sprechen. Es ist das Wissen um die Umwege und Ableitungen, mit denen man sich solch einem Thema nähert, das die Intelligenz von Petzolds Films ausmacht.
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Deswegen ist Phoenix auch am besten, wenn er sich nicht in historischer Kulisse bewegt. Die ausgestellte Historizität, die vor allem die erste Hälfte des Films prägt, ist diesem Konzept gegenüber sogar eher hinderlich. Geschichte im Spiegel braucht keine Kulissen zerbombter Häuser, pfeifender Dampflocks und historischer Autos, die einem immer wieder entgegenschreien, wie echt alles ist. Echt sind die Büsche und Bäume, die sich im Wind bewegen, wenn Johnny mit Nelly auf einem verlassenen Bahngleis, wie man es heute noch überall findet, ihre Heimkehr übt.
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Dazu passt auch die formale Entscheidung, an vielen Stellen auf die Gegenschüsse zu verzichten. Denn es sollte nicht darum gehen, die Echtheit der Geschichte anhand ausgestellter Emotionen zu überprüfen. Anschauung ist, beim Zuhören zusehen, oder beim Reden. Petzold schafft so Miniaturräume für die Personen, in denen sie von den anderen abgetrennt werden. Besonders prägnant ist das am Schluss beim Lied, wenn erst gegen Ende mit einer Einstellung das Publikum wieder ins Geschehen geholt wird, das durch die Montage zuvor außen vorgelassen wurde: man blickt in dumme, ahnungslose Gesichter, die nicht im Geringsten nachvollziehen können, was Nelly durchgemacht hat. Das Anliegen von Petzolds Film ist es, seinem Publikum Parallelen und Differenzen zu diesen Zuschauern zu verdeutlichen.

Phoenix 2

Phoenix, D 2014, 98′
Regie & Buch: Christian Petzold
Kamera: Hans Fromm
mit Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf
Verleih & Bildrechte: Piffl

 

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