Oblivion Season

Die Ausgangssituation ist ein westliches Klischee: Eine unterdrückte iranische Frau und ihr eifersüchtiger, aggressiver und gewalttätiger Ehemann, der ihr gänzlich misstraut, sie für die trivialsten Gründe schlägt und in ihrem eigenen Haus mit einem massiven Stahlschloss einschließt.

Abbas Rafei betont immer wieder wie er mit seinem neuesten Film Oblivion Season iranischen Frauen, im Besonderen (ehemaligen) Sexarbeiterinnen, eine öffentliche Sichtbarkeit garantieren will, nachdem der iranische Staat Prostitution als solche leugnet und die betroffenen Frauen unter Todesstrafen stellt. Diese Sichtbarkeit von der Rafei spricht, manifestiert sich in einem Wechsel vom Gitter zur Scheibe: Nachdem ihr Ehemann nämlich einen schweren Autounfall erleidet übernimmt nun Fariba (Sarah Bayat) dessen Arbeit als Lieferfahrerin um die Miete und dessen Krankenhausrechnungen begleichen zu können. Ist ihr Gesichts anfangs noch von dem Türgitter fragmentiert, hinter dem sie bewegungslos eingesperrt ist, so filmt Rafei seine Schauspielerin ab diesem narrativem Wendepunkt in Bewegung durch die Scheiben ihrer Pickups-Trucks hindurch. Der Blick auf Sarah Bayat durch unzählige diegetische Scheiben ist nicht unbekannt, greift doch auch Nader und Simin exzessiv auf dieses stilistische Mittel zurück. Manifert dort aber die Ästhetik der Scheibe das distanzierte Beziehungsgeflecht der Filmfiguren, stellt Oblivion Season Fariba hingegen wie in einem Schaufenster aus. So wird sie auf den iranischen Straßen von anderen Verkehrsteilnehmern durch das transparente Glas hindurch gesehen und mit Vorwürfen gegenüber arbeitenden Frauen konfrontiert.

Oblivion season

Der Film dupliziert den Status des ausgestellt seins – wenn auch unbeachsichtigt – über die englischen Untertitel, die den Film begleiten. Etwas naiv könnte man zu dem voreiligen Schluss kommen, dass die Untertitelung die Filmleinwand als eine Scheibe und als eine Oberfläche inszeniert, die beschrieben werden kann. Die Problematiken, die Oblivion Season im Screening auf dem Filmfest Braunschweig weiterhin zusetzt, sind die teilweise asynchronen und abwesende Übersetzungen. Ein nicht persisch sprechendes Publikum verliert in diesen Momenten die narrative Kontextualisierung des Geschehen und kann einzig auf das Visuelle zurückgreifen, welches aber einzig westliche Stereotypen reproduziert. Seien es nun fremde Männer, die Fariba aggressiv und scheinbar grundlos anbrüllen oder persische Schriftzeichen, die bedeutungsvoll auf dem schwarze Hintergründen aufleuchten, aber lediglich zu einer orientalen Verzierung ohne Gehalt verkommen.

So verwundert es auch nicht, dass das anschließende Q&A nur wenig mit dem Film als solches zu tun hatte, sondern Abbas Rafei als Stellvertreter und Experte seines Heimatlandes agieren musste. Fragen wie „Wie wurde der Film im Iran aufgenommen?“ und „Sind alle iranischen Männer so schlimm?“ brannten dem Filmfestpublikum unter den Nägeln.
Die Frage nach dem Geschlecht und dem vom Regisseur versprochenen emanzipatorischen Gehalt, war spätestens nach der Anmoderation durch den Festivalmitarbeiter ohnehin untergraben, der deutlich betont von einer Frau sprach, „die ihren Mann stehen muss.“ Und auch auf die Frage nach iranischen Produktions- und Rezeptionsbedingung, hatte man insgeheim die Antwort, nämlich dass nur ein Kino im Iran diesen Film gezeigt hat, bereits vermutet und konnte nun den Kinosaal verständnisvoll nickend verlassen und im Foyer noch mit europäischer Überheblichkeit das primitive Bild des Irans Revue passieren lassen.

Sektion: Neues Internationales Kino
weitere Termine auf dem Filmfest Braunschweig: 06.11 & 07.11
Oblivion Season (OT: Fasle Faramoushi-e Fariba), Iran 2014, 91′
Regie: Abbas Rafei
Drehhuch: Ali Asghari
Kamera: Alireza Baranzandeh
Darsteller: Sareh Bayat, Amin Zendegani
Verleih & Bildrechte: Abbas Rafei

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