O Beautiful Night

Ein alter Aberglaube besagt, dass das Auftauchen eines Raben stets den Tod eines Menschen ankündigt – ein böses Omen für Juri?

Juri ist jung, sympathisch – und ängstlich. Schreckhaft. Beinahe paranoid. Als Hypochonder konsultiert er bei der kleinsten Unregelmäßigkeit seines Herzschlags sofort das Internet, um dann völlig überzeugt bei sich selbst einen Infarkt zu diagnostizieren. Mit dieser permanenten Todesangst konfrontiert ist er eigentlich schon gestraft genug, doch dann fliegt eines Abends ein großer, schwarzer Rabe in seine Wohnung. Das ist zu viel für den jungen Mann, viel zu viel! In seiner Panik entscheidet er sich für die Flucht und läuft kopf- und ziellos in die Nacht.

Auf seinem Streifzug durch die Großstadt, die im Dunklen beinahe magisch zu sein scheint, lernt er die Nachtschwärmer kennen, die wahrscheinlich schon lange nicht mehr jenes Tageslicht erblickt haben, auf das Juri sehnsüchtig wartet. Doch statt die Nacht einfach nur hinter sich zu bringen, trifft Juri auf seine größte Angst. Den Tod höchstpersönlich.

Zumindest behauptet der charismatische Fremde mit dem osteuropäischen Akzent und dem Wiener Würstchen in der Hand, dass er der Tod sei. Seine Visitenkarte ist die Todes-Karte aus einem Tarotdeck. Juri bleibt skeptisch, kann aber den Verdacht, dass der Mann doch recht haben könnte, nicht abschütteln. Der Tod prophezeit Juri, die Nacht nicht zu überleben, womit er bei dem Hypochonder einen Nerv trifft. Dem Raben scheint er entkommen zu sein, aber die Flucht vor dem Fremden scheint unmöglich. Dessen Worte, dass Juri noch vor dem Morgengrauen in jener Nacht stirbt, machen ihn skeptisch, weswegen Juri sich entscheidet, bei dem vermeintlichen Tod zu bleiben. So beginnt ihre kuriose, skurrile Odyssee durch eine dunkel-bunte Nacht.

Was sich nun hier entspinnt, könnte auch ein längst vergessenes Märchen sein, würde die Handlung nicht im Hier und Jetzt spielen – sofern dies tatsächlich der Fall ist. Gibt es in O Beautiful Night überhaupt ein Hier, oder gar ein Jetzt? Den gesamten Film über bleibt das Gefühl bestehen, gemeinsam mit Juri alles bloß zu träumen. Denn wie in einem Traum geschehen die unmöglichsten Wendungen. Die anderen Nachtschwärmer, denen das ungleiche Duo Juri und Tod begegnen, überbieten sich gegenseitig an Merkwürdigkeit und könnten jeder für sich einen eigenen Kurzfilm erzählen. Jeder Ort, den die beiden besuchen, liegt irgendwo in der Großstadt, jeder ist schon einmal an diesen – oder ganz ähnlichen – Türen vorbeigelaufen. Aber in jener Nacht, wo auch über den dreckigsten, profansten Fleckchen ein kleiner, magischer Schleier zu liegen scheint, ist alles ein bisschen anders.

Das liegt vor allem an der visuellen Gestaltung, die sich konsequent durch den gesamten Film hinweg zieht, sodass das Gefühl eines Traums niemals unterbrochen wird. Schwarz, wie die Nacht selbst, ist die dominierende Farbe, die immer wieder bunt kontrastiert wird. Neonlichter setzen stimmungsvolle Akzente auf die Charaktere und ihre Umgebung. Rot und Orange, sowie Violett und Türkis sind die häufigsten Farben, die das, was nicht im Dunklen verborgen bleibt, in ihr geheimnisvolles Licht tauchen. Die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen sind mit Kamerafahrten über prächtige Blüten unterlegt, als würde auf Juris Reise durch die Nacht jedes Mal ein Blumengarten durchschritten werden, der kurz vor dem Verwelken zu sein scheint.

Gerade für einen Debütfilm ist es beeindruckend, dass für O Beautiful Night nicht nur ein starkes, visuelles Konzept gefunden wurde, sondern dass dieses auch ohne Brüche beibehalten wurde. Doch gleichzeitig bestärkt dies den Verdacht, dass durch eine starke visuelle Ebene erzählerische Schwächen ausgemerzt werden sollten. So amüsant einige der bizarren Begegnungen sind, sind manche wiederum zu viel des Guten. Die Charaktere bleiben zumeist flach, und manche witzigen Ideen sind zu schnell wieder ausgereizt. Dass mit Nina ein weiblicher Charakter das Duo später zum Trio macht, ist zwar eine frische Auflockerung, aber ihre Rolle hinterlässt einen merkwürdigen Beigeschmack. Juris Reaktion auf ihre Arbeit als Tänzerin in einer Peep-Show ist viel zu naiv, ihre Opiumsucht wirkt wie ein missglückter Gag und die Liebesgeschichte, die sich zwischen den zweien entspinnt, wirkt erzwungen und degradiert einen eigentlich starken Charakter viel zu sehr auf die Rolle eines Love Interests für Juri. Tatsächlich ist Protagonist Juri der schwächste Charakter des Ensembles, er ist zwar ein ganz sympathischer Kerl, doch seine unerschütterliche Naivität ist mitunter sehr anstrengend.

Doch auch wenn die Charaktere nicht immer ganz gelungen sind, trifft das nicht auf das Schauspiel zu. Die Leistung der Darsteller ist durchgehend gut bis sehr gut, die Spielfreude ist deutlich zu spüren. Vor allem der Tod ist stark besetzt und macht einfach Spaß, sodass O Beautiful Night über die Laufzeit von 89 Minuten kurzweilig und unterhaltsam bleibt, trotz der Allgegenwärtigkeit von Themen wie Tod und Vergänglichkeit.
Als Juri zum Ende hin einschläft und in der Dämmerung wieder aufwacht, bleibt die Frage, was nun echt war, und was nicht. Juri sollte sterben, doch er lebt, stattdessen liegt nun der tote Tod in seinen Armen. War die düstere Prophezeiung gelogen? Hatte sie sich ins Gegenteil verkehrt? Sind die Antworten auf diese Fragen überhaupt noch von Bedeutung?

Juri lebt, der Tod ist tot – lang lebe die wunderschöne Nacht!

 

O Beautiful Night, D 2019, 89 Min.
Regie: Xaver Böhm
Buch: Xaver Böhm, Ariana Berndl
Kamera: Jieun Yi
Schauspieler: Noah Saavedra, Marko Mandić, Vanessa Loibl
Verleih: NFP marketing & distribution*
Kinostart: 20. 06. 2019

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