“Nuclear Nation” – Apokalypse Now?

Funahashi Atsushis 145-minütiger Dokumentarfilm Nuclear Nation hatte auf der diesjährigen Berlinale Weltpremiere. Und eigentlich hatte ich geplant, den Film nur kurz zu besprechen. Jedoch war mir schon nach wenigen Minuten klar, dass ich diesem außergewöhnlichen Werk mehr Zeit widmen muss, vor allem in Anbetracht des hochbrisanten, globalpolitischen Themas. Fast vier Stunden saß ich also im Kino, denn im Anschluss an das Screening beantwortete der Regisseur noch Fragen der Zuschauer. Doch zunächst zum Inhalt des Films.

Nuclear Nation handelt von den Nachwirkungen einer Reihe von Unfällen, die sich ab dem 11.03. des letzten Jahres im Atomkraftwerk Fukushima Daiishi ereigneten. Aufgrund eines Tsunamis, dem ein Erdbeben der Stufe 9 vorausging, wurden das küstennah gelegene Kraftwerk so schwer beschädigt, dass es in Block 1 bis 3 zu einer Kernschmelze kam und radioaktives Material austrat. Ein großes Gebiet ist seitdem intensiver Strahlung ausgesetzt. Unmittelbar betroffen ist das kleine Städtchen Futaba, dessen rund 1.400 Einwohner nun in Notunterkünften untergebracht sind – ein Teil davon in der Kisai High School in Kazo, der Ort, an dem der Film gedreht wurde.

Atsushi begleitete die Betroffenen über einen Zeitraum mehrerer Monate, konzentrierte sich dabei besonders auf die Art und Weise, wie die Menschen mit ihre Lage umgehen, wie sie zwischen Mut und Hoffnungslosigkeit schwanken und nicht selten das Licht am Ende des Tunnels nicht mehr erwarten. In der Kisai High School leben sie eng eingepfercht, Seite an Seite mit anderen, die dasselbe Schicksal teilen. Als räumliche Abgrenzung dienen die wenigen Dinge, die noch gerettet werden konnten, als es zur Katastrophe kam. Trennwände oder ähnliches, die für etwas mehr Privatsphäre sorgen würden, gibt es keine. So wirkt das ganze arg chaotisch. Und in ihre Heimat zurückkehren dürfen sie für sehr lange Zeit nicht, weil es die Regierung verboten hat.

Im Laufe der Dokumentation werden einige der Menschen etwas näher vorgestellt. So geht es an einer Stelle um einen Vater, der durch das Unglück seine Frau verloren hat und zusammen mit seinem Sohn versucht, mit dem Verlust umzugehen. Atsushi ging es jedoch nicht darum, seinen Film mit emotionalen Momenten zu füllen, sondern schlicht und einfach das zu zeigen, was ist. So werden Zahlen und andere Fakten auf schwarzem Hintergrund eingeblendet und Musik kommt nur selten zum Einsatz. Die Kamera verweilt oft regungslos und nimmt Momente auf, die in ihrer Eindringlichkeit keiner weiteren Inszenierungstechnik bedürfen. Interessant ist auch die Montage des Films: Atsushi lässt die Menschen reden, zeigt in der nächsten Einstellung eine grotesk wirkende Entschuldigungsrede von Seiten der Betreiber des verantwortlichen Energiekonzerns TEPCO. Die Entschuldigung wirkt in Anbetracht des Ausmaßes der Katastrophe geradezu lächerlich, im Zusammenspiel mit dem performativen Akt der höflichen Verbeugung seitens der Konzernmitarbeiter regelrecht unverschämt. „Fuckers“ hallt es aus den Reihen der Betroffenen, die der Rede beiwohnen. Spätestens hier wird klar: Nuclear Nation ist ein Film der klaren Worte und als eine eindeutige Anklage zu verstehen.

Strukturiert durch die Jahreszeiten, beginnend mit dem Frühling, erlebt man Stationen der Aufarbeitung. Im Sommer stattfindende Events in der Schule, wie z.B. Wrestling oder Gruppengesänge, wirken ebenso befremdlich, wie Seminare, in denen es darum geht, die evakuierten Menschen in die Arbeitswelt zurückzuführen. Es wird vehement versucht, eine Normalität herzustellen, was jedoch nur misslingen kann, denn es fehlt dazu der Rahmen. Viele der Menschen wollen in ihre Heimatstadt zurückkehren und wieder ihr altes Leben führen, nur wenige geben sich damit zufrieden, sich anderorts eine neue Existenz aufzubauen. Was aber alle gemeinsam verbindet, ist die Wut auf den Energiekonzern, der vor ca. 40 Jahren das Atomkraftwerk in die Nähe ihrer Stadt brachte. Eine Wut die offen ausgesprochen wird und immer damit in Verbindung steht, dass sie sich von der Regierung im Stich gelassen fühlen.

Die zentrale Figur des Films ist Katsutaka Idogawa, der Bürgermeister von Futaba. Als Mitbegründer der Stadt willigte er damals ein, dass das Kraftwerk gebaut werden darf. Mitunter lockte die „Nuclear Money“, umgerechnet ungefähr 53 Millionen Dollar, mit denen eine Infrastruktur errichtet werde sollte. Atomkraft sei die „Energie der Zukunft“ hieß es; vor allem, weil sie sicher und sauber sei. Mit einer Katastrophe rechnete damals noch niemand. Katsutaka gibt den Mut nicht auf, aber es kostet ihn viel Kraft, sich auf der einen Seite um die Flüchtlinge – wie er sie nennt – zu kümmern, auf der anderen Seite, im energiepolitischen Geschehen mitzuwirken. Der Bürgermeister ohne Stadt erwähnt in einer Videobotschaft, dass er eine neue Stadt errichten und von vorne beginnen möchte. Und hier sagt er auch, dass er früher für Atomenergie war, sich seine Einstellung diesbezüglich aber geändert habe. Er zweifelt sogar daran, dass man auf der Welt überhaupt Atomkraft braucht.

„People live their lives in limbo“, sagt Katsutaka. Und genau diesen Eindruck vermittelt der Film. Als die Quarantäne für zwei Stunden aufgehoben wird, ist das apokalyptische Ausmaß der Überschwemmung und Verseuchung in beängstigender Weise präsent: Tausende Trümmerteile, eingestürzte Häuser, zerknautschte Autos und angeschwemmte Schiffwracks wohin das Auge reicht. Szenen, wie aus einem Katastrophenfilm, als wäre man – so einer der Betroffenen – in „fucking hell“. Die zwei Stunden nutzen die Menschen, um Blumen für ihre Hinterbliebenen abzulegen, zu beten und vielleicht ein letztes Mal ihre Häuser, wenn diese noch stehen sollten, zu betreten. In einem der Gebäude steht sogar noch das Essen auf dem Tisch, so schnell musste es verlassen werden. „Group 12 – time’s up!“ krächzt es unvermittelt aus einem Funkgerät. Und ja, die Zeit ist tatsächlich um – im doppelten Sinne. Und ohne Wasser und Nahrung verendeten auch die Tiere, die zurückgelassen werden mussten. Ein Stall voller halb verwester Kuhleichen ist ein bleibender Zeuge. „It’s the worst way to go“, sagt ein Bauer, der 14 Kilometer entfernt von Futaba noch ein paar Kühe hält. Er weigert sich zu gehen und steht seinen Tieren bei. Er will dort sterben, wo er zuhause ist.

Atsushi greift auch das Fernsehen auf und zeigt, wie der Vorfall medial aufbereitet wird, vor in allem Szenen, in denen sich die Verantwortlichen zu dem Unglück äußern. “Nichts weiter als heiße Luft”, meinen ein paar ältere Frauen, die in der Schule die TV-Berichte verfolgen. Und eben das Fernsehen ist es, das Atsushi dazu anregte, diesen Film zu machen. Welche Ideen er verfolgte und wie er als Macher der Thematik gegenüber steht, kommt im Folgenden zur Sprache. Atsushi nahm sich die Zeit, einige Fragen aus den Zuschauerrängen zu beantworten.
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Wie kam es zu der Entstehung des Films?

Atsushi: Ich habe jeden Tag fern gesehen und die Berichterstattungen über das Fukushima-Unglück verfolgt. Und ich war geschockt, dass die Strahlung selbst in Tokyo noch zu messen war. Zu der Zeit war ich gerade dabei, einen Liebesfilm zu drehen. Jedoch durfte ich an den Orten, an denen ich vorhatte zu drehen, nicht arbeiten. So verlor ich für drei Monate quasi meinen Job. Mein Leben wurde auf den Kopf gestellt. Und so fing ich an, Informationen zu sammeln, über Atomenergie und die Auswirkung der Strahlung auf den menschlichen Organismus. Ich befasste mich auch mit anderen Kernkraftwerken, bei denen es zu ähnlichen Unfällen kam: Zum einen mit dem Tschernobyl-Kraftwerk, das sich im Norden der Ukraine befindet, zum Anderen mit dem Three Mile Island Kraftwerk in Pennsylvania. In dieser Zeit wurde ich auf die Kisai High School aufmerksam, in deren unmittelbaren Nähe ich wohne. Zuerst bin ich ohne Kamera hingegangen und ich erkannte das Ausmaß der des Chaos’. Und mir kam wieder ins Gedächtnis, dass mein Vater durch die Hiroshima Bombe ums Leben kam. Außerdem gehöre ich der Generation an, die das Tschernobyl-Unglück miterlebten. Ab da wusste ich, dass ich einen Film machen musste. Und ich spürte eine Wut in mir aufkommen. Eine Wut auf die japanische Regierung, die Informationen vorenthält und nicht die Wahrheit spricht. „Die Strahlung würde keinen direkt negativen Einfluss auf Menschen haben“, hieß es. Darüber hinaus beschäftigte ich mich mit vielen ausländischen Dokumentation zum Thema Atomkraft und erkannte den Ernst der Lage. Und heraus kam das genaue Gegenteil vom dem, was die japanische Regierung uns erzählt. Diesen Umstand wollte ich durch Nuclear Nation ans Licht bringen. Und es ging mir auch darum, den Verlust zu zeigen, mit dem die Menschen aus Futaba zu kämpfen haben. Man lässt sich einfach nur warten und warten. Der Verlust ihrer Stadt ist mit Geld nicht wieder gut zu machen. Denn wie die Stadt verschwunden ist, ging auch ein Teil der Menschen selbst verloren. Und was ich der Regierung besonders ankreide ist, dass sie aus dem Vorfall in Tschernobyl nicht gelernt haben.

Werden die Menschen in Japan diesen Film sehen oder befürchten sie, dass die japanische Regierung das unterbinden wird?

Atsushi: Ich habe den Film vor ein paar Tagen erst fertig gestellt. Ich habe ihn sozusagen in einem Rucksack hierher gebracht. Und ich hoffe, dass ich ihn zumindest in einem kleinen, unabhängigen Rahmen auch in Japan zeigen kann.

Ich finde es interessant, wie sich die Grundaussagen des Bürgermeisters unterscheiden: Im Film kämpft er um die Stadt, in der Videobotschaft gegen Atomenergie. Können sie hierzu etwas sagen?

Atsushi: Er wird eine neue Stadt finden. In ein paar Monaten wird sich herausstellen, wo genau das sein wird. Denn den Worten der Regierung zur Folge dauert es mindestens fünf Jahre, bis die Menschen nach Futaba zurückkehren dürfen. Ich hoffe, Sie (Die Zuschauer Anm. d. Red.) spüren die versteckte Nachricht hier: Atomenergie wurde propagiert als sichere und saubere Energiequelle, als eine „friedliche Verwendung von Atomenergie“, wie die Energiekonzerne es nannten. Die Menschen in Tokyo wurden durch diese Propaganda manipuliert! Aus diesem Grund sagte der Bürgermeister zu, dass sogar noch weitere Reaktoren gebaut werden durften. Es waren nämlich noch zwei weitere in Planung, bevor es zum Unglück kam.

Wie sieht ihrer Meinung nach die Zukunft Japans in Bezug auf die Atomkraftdebatte aus?

Atsushi: Das Kabinett hat sich dazu entschieden von der Nutzung von Atomkraft abzusehen. Der Premierminister aber möchte an der Energieerzeugung durch Kernkraftwerke festhalten. Gegen diese Entscheidung wird vehement demonstriert. In einer Aktion wurden schon eine Million Unterschriften gesammelt, das Ziel sind zehn Millionen.

Der Bürgermeister erscheint mir ein einsamer Mann zu sein. War er die meiste Zeit des Drehs über alleine?

Atsushi: Katsutaka steht unter viel Druck. Er ist jeden Tag mit den Leute in der Schule konfrontiert. „Machen sie etwas!“, heißt es oft. Auf der anderen Seite ist da der Druck der Regierung. Er ist also doppelt gebunden, zwischen zwei Fronten. Er war ja damals auch für Atomkraft und hat dies auch vor den Bürgern der Stadt vertreten. Das darf man nicht vergessen.

Die zweistündige Rückkehr nach Futaba gleicht einer albtraumhaften Reise. Hat sie dieses Erlebnis und auch der Aufenthalt in der Schule im Allgemeinen in irgend einer Form geprägt?

Atsushi: Eigentlich war das nicht erlaubt. Es ist nicht legal, sich in einem Umkreis von 20 Kilometern um das verseuchte Gebiet herum aufzuhalten. Das gilt auch für die Menschen, die dort ihr zuhause haben. Aber ich meine, dass ich das Recht habe zu sehen, wie es dort aussieht! Das erinnert mich wieder daran, wie es war, als ich das erste Mal mit den Bewohnern in Kontakt getreten bin. Ich wusste ja erst gar nicht, wie ich das angehen sollte. Zuerst wollte man mich gar nicht in die Schule lassen. „Wofür?“ fragte man mich. Ich wollte die Menschen in ihrer Lage begleiten. Erst nach ungefähr zwei Monaten durfte ich dann das Gebäude betreten. Und dann erkannte ich, wie schwierig das Leben dort für die Menschen sein muss. Und für mich selbst war diese Zeit auch sehr schwer.

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