Nicht Sitzengeblieben

Noémy Lvovskys Debüt Oublie-moi war einer der kraftvollsten Filme, die Mitte der Neunziger Jahre in Frankreich erschienen. Und es enthielt all die Elemente, die das sogenannte „jeune cinéma français“ um diese Zeit auszeichnete: Konzentration auf die kleinen, persönlichen Geschichten, kein ausgestellter Formalismus, weder Kameraakrobatik noch Ausstattungsexzess, dafür intensives Schauspiel. Dennoch war Lvovsky sowohl mit diesem Film als auch mit den anschließenden weit weniger Erfolg beschieden als ihren männlichen Kollegen wie Cédric Kahn, Arnaud Desplechin, Xavier Beauvois oder Bruno Dumont – was ebenso ein französisches Phänomen ist wie auch die Welle an überaus interessanten Debüts, die in diesem Jahrzehnt auf die Leinwand kamen. (Beispielsweise Laetitia Masson und Laurence Ferreira Barbosa, zwei anfangs sehr erfolgreiche Regisseurinnen, sind heute verschwunden.)

Noémy Lvovsky als Camille

Noémy Lvovsky als Camille

Nun kommt zum ersten Mal ein Film von Lvovsky in Deutschland regulär in den Verleih: Camille Redouble heißt der Film, der letztes Jahr in Cannes Premiere feierte und hierzulande mindestens den Preis des dümmsten deutschsprachigen Verleihtitels bekommen wird, denn Camille – verliebt nochmal! ist nicht nur abschreckend, sondern auch falsch, denn es geht genau ums Gegenteil. (Aber in Deutschland muss bei französischen Filmen wohl die Liebe im Titel vorkommen, sonst wird das nichts. Barbosas Debüt Les gens normeaux n’ont rien d’exceptionnel hieß zu deutsch Verrückt – Nach Liebe.) Camille muss wiederholen, so die adäquate Übersetzung des Originaltitels, und zwar die 80er Jahre. Als ziemlich abgehalfterte Frau um die 40 (Lvovsky selbst spielt Camille), nicht erfolgreich, alkoholabhängig und sitzengelassen, wird sie plötzlich und ohne näheren Grund am Silvesterabend zurück in ihre Schulzeit befördert. Da die spätere Gegenwart sich für sie nicht gelohnt hat, akzeptiert sie die Versetzung und versucht, die Fehler zu vermeiden, die sie mehr als zwanzig Jahre später immer noch belasten: und das ist zuerst ihrem Freund und zukünftigen Ehemann aus dem Weg zu gehen (sich eben nicht zu verlieben) und ihre Mutter vor dem tödlichen Schlaganfall zu bewahren.

Der Morgen danach: die “16jährige” Camille wird von ihren Eltern aus dem Krankenhaus abgeholt.

Zeitreisefilme, zumal wenn ihr Ziel die debile Adoleszenz ist, sind selten ein Gewinn. Anders aber hier: denn neben der äußerst liebevollen und detaillierten 80er-Jahre-Ausstattung kombiniert Lvovsky das Genre auch noch mit einer Body-Switch-Komödie. Denn Camille verjüngt sich nicht. Sie sieht mit 16 immer noch so aus wie mit 40, nur dass das niemandem auffällt. Ihre Mitschüler und Eltern behandeln sie wie die 16jährige. Aber diese kleine Variation (Body-Switch ohne Body-Switch sozusagen) bringt für die Zuschauer den Vorteil, dass man sich den Film die ganze Zeit über mit einem doppelten Blick ansieht. Es ist eben die reifere Frau, die den jugendlichen Quatsch mitmacht, aber durch Lvovskys Trick braucht es keine Off-Monologe, die die Situation reflektieren und auch keine jungen Französinnen, die ihren neu erstrafften Körper wieder entdecken. Und so geht es dann auch gar nicht mehr darum, ob man den Tod der Mutter abwenden oder die eigene Tochter vom Geborenwerden abhalten kann, sondern einzig um den leicht amüsierten bis ungläubigen Blick Camilles. Ein Blick, den es lohnt auch in der „echten Gegenwart“ auf sich selbst zu richten.

Camille Redouble, F 2012, 115’
Regie: Noémy Lvovsky
Kamera: Jean-Marc Fabre
Darsteller: Noémy Lvovsky, Samir Guesmi, Denis Podalydès, Jean-Pierre Léaud, Matthieu Amalric
Verleih: Movienet
Kinostart: 15.8.2013

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