Neon Bull

Langsam streift die Kamera über die Körper der weißen Bullen, die inmitten hölzerner Zäune eingepfercht auf engem Raum zusammenstehen. Die ersten Einstellungen widmen sich den Tieren, zeigen sie in unruhigen Momenten hinter den Kulissen, bevor der erste Bulle in die Arena prescht. Zwei Reiter jagen das Tier und zerren es schließlich gewaltsam am Schwanz zu Boden. Vaquejada nennt sich diese traditionelle Form des Rodeos und es wirkt genauso befremdlich und grausam wie es klingt. Ohne jegliche Exposition taucht der Film in diese eigenwillige Welt ein und nutzt das raue Milieu im Nordosten Brasiliens als Rahmung für eine ebenso sinnliche wie unkonventionelle Betrachtung. Im Fokus steht dabei eine durchmischte Gruppe an Menschen, die gemeinsam mit den Bullen von einer Veranstaltung zur nächsten fährt: Iremar arbeitet als Hilfscowboy, bereitet die Tiere vor und versorgt sie; Galega fährt den Truck und arbeitet nachts als Tänzerin; ihre junge Tochter Cacá träumt von einem eigenen Pferd und liefert sich gerne mal einen verbalen Schlagabtausch mit dem groben, korpulenten Cowboy Zé. Die Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedern dieser zusammengesetzten „Familie“ und die Hintergründe der Charaktere bleiben weitestgehend offen. Ebenso verzichtet Regisseur Gabriel Mascaro auf eine konventionelle narrative Struktur und liefert stattdessen eine Ansammlung fragmentarischer Einblicke mit einem besonderen Interesse an menschlicher und tierischer Körperlichkeit. Zwischen Schweiß und Staub, Gerüchen und Texturen, Nacktheit und Erotik werden über die visuellen Eindrücke diverse Sinneswahrnehmungen evoziert, die Neon Bull zu einer intensiven filmischen Erfahrung werden lassen.

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Kameramann Diego Garcia (der auch für die Kamera in Apichatpong Weerasethakuls neuem Film Cemetery of Splendour verantwortlich ist) liefert ruhige Bilder, die fast immer eine gewisse Distanz wahren und die Menschen und Tiere somit in einen Kontext mit der umgebenden Landschaft setzen. Die Mischung aus langen, statischen Einstellungen und ruhigen Kamerafahrten lässt viel Raum für intensive Beobachtungen und setzt die einzelnen Momente zu einem visuell beeindruckenden Gesamtwerk zusammen. Bemerkenswert ist der Film aber nicht nur in formalästhetischer Hinsicht, sondern auch aufgrund des offensichtlichen Aufbruchs bestehender Gender-Normen. Inmitten des machohaften Rodeo-Umfelds hegt Iremar den Traum als Modedesigner zu arbeiten und näht in seiner Freizeit fantasievolle Kostüme für Galega. Während diese nachts als leichtbekleidete Tänzerin (in bizarrer Aufmachung inklusive Pferdemaske und Hufen) arbeitet, übernimmt sie am Tag die Rolle der Mechanikerin. Und auch einige der Nebenfiguren fordern tradierte Rollenbilder heraus, beispielsweise die Parfümverkäuferin, die ihren Hauptberuf als Sicherheitsbedienstete in einer Kleidungsfabrik auch hochschwanger ausübt. Was in der Beschreibung etwas schematisch klingen mag, wirkt in der Umsetzung nie forciert, sondern ist selbstverständlicher Bestandteil der Charakterzeichnung.

Bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig wurde Neon Bull mit dem Spezialpreis der Jury in der Orizzonti-Reihe ausgezeichnet und ist seitdem auf zahlreichen internationalen Filmfestivals präsent. Wer manche Längen aushalten und zugunsten der sinnlichen Erfahrbarkeit auf eine kohärente Story verzichten kann, sollte sich diesen Film nicht entgehen lassen.

Sektion: Neues Internationales Kino
weitere Termine auf dem Filmfest Braunschweig: 05.11., 16:30 Uhr und 07.11., 21:15 Uhr
OT: Boi Neon, Brasilien/Uruguay/Niederlande 2015, 101’
Regie & Drehbuch: Gabriel Mascaro
Kamera: Diego Garcia
Darsteller: Juliano Cazarré, Alyne Santana, Carlos Pessoa, Maeve Jinkings
Bildrechte: Stadtkino Filmverleih (Wien)

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