Mustang

»Deep down, you know you want to.«
Ein aktueller Slogan der Automarke Mustang hat mit dem gleichnamigen Film von Deniz Gamze Ergüven nur wenig gemein. Der Filmtitel verweist vielmehr auf die entsprechende Pferderasse: Ein wildes, freiheitsliebendes Gemüt, ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl und dunkles in der Sommerbrise wehendes Haar. Diese Attributierungen teilen die Huftiere mit den filmischen Protagonistinnen von Mustang.

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Die fünf verwaisten Schwestern, euphorisch vom Abschluss des aktuellen Schuljahres, liefern sich mit ihren männlichen Mitschülern eine Wasserschlacht an den Ufern der Schwarzmeerküste. Diese harmlos und unschuldig anmutende Szenerie spricht sich im kleinen Heimatdorf der jungen Frauen schnell herum und wird zum Unsittlichkeitsgerücht skandalisiert, das unverzüglich der Sorge tragenden Großmutter gemeldet wird. Unter dem familiären Zwang durch Tante und Onkel sind sie gezwungen ihre Jungfräulichkeit auf den ärztlichen Prüfstand zu stellen. Fällt das Ergebnis zwar zufriedenstellend aus, wird ihre Behausung nichtsdestotrotz zum zweifachen Einschließungsmilieu umfunktioniert: Türen und Fenster werden verschlossen, mit Gitterstäben gesichert und jegliche Ablenkungen (Computer, Kaugummis oder auch eine Reproduktion von La Liberté guidant le peuple) beseitigt: Ein Galopp ins Freie ist nur unter strenger Beobachtung genehmigt. Weiterhin, so das Voiceover der jüngsten Tochter Lale, aus deren Perspektive die filmische Narration langsam vorantrabt, wird das Haus zu einer Produktionsfabrik (Henry Ford lässt grüßen) für angehende Hausfrauen. Anstatt länger in die Schule zu gehen werden ihnen wie am Fließband Koch- und Nähkünste, ebenso wie ein züchtiges Verhalten durch alteingesessene Dorfbewohnerinnen gelehrt. Diese neu gewonnen Fertigkeiten machen sich die Geschwister jedoch gegenüber ihrer Freiheitsberaubung zu Nutzen: Sie stellen ihre eigenen Kaugummis her oder nähen Surrogate für ihre anstehende Flucht.

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Innerhalb des filmischen Gewebes aus gesellschaftlichen Restriktionen und dem diegetischen Hochhalten tradierte Rollenbilder von Weiblichkeit, gelingt es dem Film ein vielschichtiges Bild seiner Protagonistinnen zu zeichnen: Sie stellen kein Abbild missverstandener jugendlicher Reinheit dar, sondern verhalten sich ihrem Alter entsprechend. Sie stopfen ihren BH mit Äpfeln aus oder diskutieren über mögliche Hintertürchen des Keuschheitsgebots. Die hohe Anzahl an Figuren erlaubt es dem Film zudem verschiedene Szenarien durchzudeklinieren: Die älteste Schwester Sonay darf noch aus Liebe heiraten, ihre Nachfolgerin hingegen wird zwangsverheiratet. Sind beide unter die Haube gebracht, eröffnet sich dann der wohl stärkste Moment von Mustang: Die jüngsten Töchter spielen Szenen aus dem Schwimmbad, parallel zur Eröffnungssequenz, in ihrem Kinderzimmer nach, robben über ihre Bettlaken und schwimmen gedanklich in den Weiten des Meeres: Einerseits wird hier über die Imagination ein Handlungsraum für filmische Weiblichkeit eröffnet, während die beiden Kinder, indem sie wie Fische auf dem Trockenen agieren, gerade ihre weitgehende Machtlosigkeit innerhalb patriarchal organisierter Gesellschaften konstatieren.

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Neben der Vorstellungskraft findet sich diese Doppelbewegung auch im Motiv des Autos wieder. Der Geländewagen der Familie (kein Mustang, sondern ein Suzuki) wird nicht nur als Transportmittel zum Ort der Befreiung, sondern auch durch das hell gleißendes Sonnenlicht, welches durch die Fahrzeugfenster strahlt. Sind die Fenster geschlossen und abgedunkelt wird es weiterhin zu einem sexuellen Experimentierfeld, das die Fahrzeugfederung auf eine harte Bewährungsprobe stellt.
Der Besitz und die Führung des Fahrzeugs ist jedoch weiterhin männlich codiert. So scheitert Lale etwa mehrmals daran den Suzuki selbstständig zum Fahren zu bringen, ehe sie auf den empathischen Verkäufer Yasin trifft. In dessen Truck (kein Mustang, sondern ein BMC Levend) lehrt er ihr nun nicht das Kochen oder Nähen, sondern das Fahren, wozu sie sich ironischerweise explizit hochhackige Schuhe anzieht. Ihr gelingt es somit nicht nur den Wagen in Bewegung zu setzen, sondern sie lenkt den Film auch auf seine finale Konklusion zu, welche sich jedoch als schlichter Stadt-Land-Gegensatz zu erkennen gibt und die zuvor getätigten differenzierteren Analysen untergräbt.

Was vom filmischen Ende jedoch ausgespart bleibt und was auch sonst keinerlei Beantwortung findet ist der Themenkomplex sexueller Gewalt. In angedeuteten Geräuschkulissen und mittels schläfriger Blicke durch die Wohnung, wird der Onkel sehr bald als sexuell übergriffig markiert, gleichwohl er tagsüber die Jungfräulichkeit seiner Ziehtöchter einfordert. Gerade aufgrund der Tatsache, dass sämtliche strukturelle Benachteiligungen von Frauen mit einem Akt der Auflehnung beantwortet werden, und sei es nur, dass man der zwangsangeheirateten Schwiegermutter in den Tee spuckt, ist es irritierend, weswegen der Film die konnotierten Vergewaltigungen im Hinterzimmer belässt und keine Bemühungen um eine Auseinandersetzung damit betreibt. Warum dupliziert der Film über sein Voiceover jegliche visuelle Ereignisse auch auditiv, belässt diesen Gewaltakt jedoch in der Sphäre der Unsicherheit? Liegt hier womöglich die von mir gesuchte Verbindung zum Ford Mustang? Man erinnere sich nur an den Slogan: Du willst es doch auch…

Mustang, Türkei / Frankreich / Deutschland 2015, 93′
Regie: Deniz Gamze Ergüven
Buch: Alice Winocour & Deniz Gamze Ergüven
Kamera: David Chizallet
Darsteller: Güneş Nezihe Şensoy, Doğa Zeynep Doğuşlu, Elit İşcan
Verleih & Bildrechte: Weltkino
Starttermin: 25. Februar 2016

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